Natürlich ist es verlockend, lieber zur Süddeutschen Zeitung vom letzten Mittwoch oder Samstag zu langen, zur frischen Ware vom Weltwochenmarkt der Politik, als zu einem Buch, um ihn zu präsentieren – den Karikaturisten Ernst Maria Lang. Aber am Ende zeigt sich, daß es gerade der Griff in das soeben erschienene, von Hans Wichmann herausgegebene Buch „Bayern und Ereignisse der Welt“ ist, der uns den Seher im Alltagszeichner enthüllt: Was wir oben abbilden,’ ist im August zu Papier gebracht worden, und es ist wahrlich aktuell geblieben, wie in den vergangenen Monaten zu bemerken war, die Sache mit der angedrohten „Abgaben-Erhöhung“ (Kohl), mit der „Steuerlüge“ (Lafontaine) oder eben mit den „Alimenten“ (Lang).

Irgendwann hatte dieser Karikaturist genau den Grad von Klassizität erreicht, die einen Verleger (oder seinen Lektor oder einen Herausgeber) so in Versuchung bringt, daß er ein Sammelwerk für fällig hält. Es ist nun also da, das Buch, bayerische und andere Ereignisse der Welt betreffend, dargestellt und reflektiert in Karikaturen, die die Süddeutsche Zeitung seit 1957 von Lang gedruckt hat: freche Sachen, höhnische, ironische, sarkastische Bemerkungen, der Satire manchmal näher als dem Witz. Und so sind viele zwar oft zum Lachen, manchmal sogar zum Brüllen komisch, sehr witzig, aber dies in jenem höheren Sinne, der das Epitheton geistreich hinzusouffliert.

Lang hat wie jeder gute Zeichner seine unverkennbare Ausdrucksweise, mit einem Blick zu identifizieren: fest der Strich, kräftig die Kontur, unübersehbar der Schwung, und die schraffierten Schatten so sparsam angebracht, daß die Körper körperlich wirken, das Bild aber die Klarheit des Lineaments behält. Es ist eine erstaunlich elementare Darstellungsweise, zu der immer der literarische I-Punkt gehört: die Bildunterschrift. Ich kenne niemanden sonst, der die Komik noch in gereimten Knittelversen fortzusetzen liebte und es so könnte wie er, wie Ernst Maria Lang. Doch seinen Stil hatte er schon in den späten fünfziger Jahren gefunden, sagen wir: nach seinem Trainings-Jahrzehnt, das manchmal an alte Meister wie Oskar Simmel, E.O. Plauen und Mirko Szewczuk erinnert, aber nur ein kleines bißchen, denn Lang ist Lang, und seine Kunst ist es, sich über die Politiker lustig – und sein Publikum sehr oft lachen zu machen. Dieses Lachen schließt üblicherweise die Wortverwandten immer mit ein, das Lachhafte, das Lächerliche, das Gelächter. Zu all dem passen die ernsten Bemerkungen des Herausgebers Wichmann und die feuilletonistischen des Feuilletonisten Hellmuth Karasek erstaunlich gut. Manfred Sack

Ernst Maria Lang:

Bayern und Ereignisse der Welt

Karikaturen der Süddeutschen Zeitung; herausgegeben von Hans Wichmann; Birkhäuser Verlag, Berlin 1990;

300 S., 296 Abb., 98,– DM