Von Eckhard Roelcke

Da sitzt er nun auf der berühmten Couch, er kann nicht anders. Erik, der vergessene Tourist, der verliebte Jüngling, der verklemmte Intellektuelle. Er schlägt ein Buch auf, gähnt und macht es sich gemütlich. Er streckt sich aus – und schläft ein. Im Sigmund-Freud-Museum, London, 20, Maresfield Gardens. Aus Versehen wurde er dort eingeschlossen, weil er, der Scheue, mal wieder den Anschluß an seine Reisegruppe verloren hatte. Jetzt ist das Museum abgeschlossen, und Erik muß die Nacht im Allerheiligsten der Psychoanalytiker verbringen, auf der legendären Couch von Sigmund Freud. Er schlummert, zusammengekauert wie ein Embryo, umgeben von all den Gegenständen, die der Professor gesammelt und in seinem Arbeitszimmer aufgestellt hat.

Und es geschieht, was geschehen muß: Erik träumt. Von den kleinen Figuren, die er auf Freuds Schreibtisch gesehen hat. Sie sind plötzlich lebensgroß und beginnen, zwischen wabernden Dämpfen in diffusem Licht zu tanzen; er träumt von einem Zirkus, den Akrobaten, die flickflack durch die Manege schnellen, und von der peitschenknallenden, drallen Zirkusdirektorin, die ihn immer wieder einschüchtert; von einer verruchten Orgie, auf der er mitten zwischen sich lüstern, aber garantiert jugendfrei wiegenden Paaren seinen vergnügten Vater entdeckt. Erik irrt ziel- und willenlos durch diese Welt, er ist zum taumelnden Statisten verurteilt, ausgeliefert lauter Traumgespinsten, phantastischen Gestalten. Nichts kann er fassen, nichts kann er verstehen. Und am Schluß des Traumes – Ödipus muß sein – wird er noch zum rituellen Vatermörder.

Mit großem publizistischem Getöse wurde das Musical „Freudiana“ in Wien angekündigt. Endlich, so die ehrgeizigen Ziele, solle mit diesem originär österreichischen Werk die Andrew-Lloyd-Webber-Welle gebrochen werden. Nach der glanzvollen „Welt-Uraufführung“ im Theater an der Wien könne „Freudiana“ dann einen „Siegeszug“ auf der ganzen Welt antreten. Auch in London und New York. Ein schöner Traum, zu schön, um wahr zu sein.

Denn das Thema ist zu groß, und die Produktion aber zu abstrus und abseitig für den Massengeschmack. Außerdem läßt sich mit Alpträumen schlecht Geld verdienen. „Das Musical will weder die Psychoanalyse noch deren ‚Vater‘ erklären oder gar deuten“, schreibt der „Freudiana“-Regisseur Peter Weck im Programmheft besänftigend. Gleich im nächsten Satz aber schraubt er den Anspruch schon wieder mächtig nach oben: „Das Musical will vielmehr eine Verbindung schaffen zwischen der Welt Sigmund Freuds und der Welt des Theaters.“ Und weil damit nicht nur die äußerliche Welt von Freud gemeint ist, so wie sie im Museum zu besichtigen ist, bleibt auch nichts anderes übrig, als die wichtigsten Patienten, mit denen der Psychoanalytiker seine Ideen beispielhaft erklärte, im Theater darzustellen: den Wolfsmann und den Rattenmann, den Kleinen Hans, den Richter und Dora. Aus denen werden im Musical, das fordert das Gesetz des Amüsements, liebenswerte Verrückte, über die man lächelt. Wie im Irrenwitz. Und der seinerzeit weltberühmte Neurologe Jean-Martin Charcot, bei dem Freud in Paris im Hôpital de la Salpetriere studierte, wird zu einem Magier, der wie am Fließband und in Sekundenschnelle Patienten hypnotisiert und der – Hokuspokus – auch zaubern kann. Das Ärztekollegium applaudiert.

‚Da reiht sich eine Episode an die andere, unlogisch, wie Eriks Traum nun einmal ist. Es gibt keine Handlung und damit auch keine Spannung. Dafür aber jede Menge Klischees, einige Sparwitze und pseudotiefsinnige Sprüche in tranigen Dialogen. So gesteht zum Beispiel Erik nach einigem Hin und Her Sherlock Holmes in einer U-Bahnstation, daß sein Vater kein Vertrauen zu ihm hatte. Das macht ihm immer noch schwer zu schaffen. Der Detektiv, er ist unschwer am karierten Kilt zu erkennen, fordert Erik, scharfsinnig und mit dem Geigenbogen fuchtelnd, auf: „Volle Kraft zurück, Erik, im Dunkeln der Kindheit warten die Antworten!“ Dieser folgt der Aufforderung und geht, zwar nicht volle Kraft, aber bedeutungsschwanger zum Bühnenhintergrund. Als er dort ankommt, blitzen aus seiner Brust zwei Laserstrahlen auf, die wie die Lichtorgel in der Dorf-Disco rhythmisch zur Musik pulsieren: Die Energie, die aus dem Herzen kommt.

Ulrich Tukur, der blonde, smarte Schauspiel-Star aus Hamburg mit dem typischen schlabbrigen schwarzen Jackett, hat eine undankbare Rolle zu spielen. Denn der Jüngling Erik ist eine synthetische Figur, ohne dauerhafte Entwicklung, ohne extreme Gefühlsausbrüche. So rauschen denn die einzelnen Szenen an ihm vorbei, er kann kaum eingreifen, mitgestalten oder gar lenken. Und die beiden großen Soli, die er zu singen hat, muß er praktisch im Stillstand absolvieren. Erik ist eine Hilfskonstruktion, um die Idee „Freudiana“ verwirklichen zu können.

Denn zunächst gab es nur die Musik. Der Komponist und Liedtexter Eric Woolfson hatte sich nämlich durch die Person Sigmund Freuds zu einigen Songs inspirieren lassen, die er zusammen mit Alan Parsons im Studio aufnahm. Dieses Duo hatte schon lange zusammen gearbeitet und insgesamt mehr als vierzig Millionen Alan-Parsons-Project-Schallplatten weltweit verkauft. Dieser musikalische und auch kommerzielle Erfolg war ein schöner Köder für Peter Weck, den Generalintendanten der Vereinigten Bühnen Wien. An dem Köder aber hat er sich verschluckt. Seine Inszenierung dümpelt ohne Höhepunkte vor sich hin, da können auch das effektvolle High-Tech-„Lichtdesign“ von Rick Beizer und die schmissigen Choreographien von Heinz Spoerli nicht darüber hinwegtäuschen. Und gäbe es da nicht die variablen Bühnenbilder von Hans Schavernoch, die raffinierte Spiegelungen und schnelle Verwandlungen ermöglichen, dann wäre die Produktion ein noch größerer Flop. Denn auch der Musik fehlt der nötige Drive. Zwei einigermaßen eingängige Lieder in zwei Stunden – das ist zuwenig.