Von Philipp Maußhardt

Stuttgart

Seit Reinhard Mey sie besungen hat und Erich Honecker sie so liebgewann, ist die Diplomatenjagd aus dem Repertoire der Protokollchefs weitgehend gestrichen worden. Es ist stiller geworden im Wald. Kein Generalleutnant von Zitzewitz beklagt den Verlust seines Dackels mehr, und kein greiser Ahnherr erschießt irrtümlicherweise den Außenminister. Eine gesellschaftliche Einrichtung drohte unterzugehen; ein Verlust, der nur von Ignoranten bejubelt wurde, die die sinnstiftende Dreiecksbeziehung zwischen Mensch, Wildsau und Kugel nicht durchschauten. Lothar Späth, Landesfürst zu Stuttgart, ist es zu verdanken, daß die Diplomatenjagd wieder eine Chance hat. Gegen den Zeitgeist und die Bedenken zahlreicher Waidmänner lud er fünfzig seiner liebsten Landeskinder aus Politik, Industrie und Militär auf Schloß Bebenhausen zur Hatz auf haarige Sauen.

Schon vor neun Uhr steht Frieder sich die kalten Füße in den Leib. Vor der königlichen Jagdhütte wartet der 26jährige Waldarbeiter auf die Ankunft der Gäste. Zusammen mit sechzig anderen Kollegen ist er vom staatlichen Forstamt als Treiber eingestellt worden. Tagelang hat er zuvor Schießstände in den Wald gezimmert, damit die Jäger auf dem schneebedeckten Boden nicht allzusehr frieren. Mehr als hundert solcher mit Reisig getarnter kleiner Türmchen stehen jetzt im Jagdgebiet verteilt. Bis in den Abend hinein hat Frieder noch tags zuvor die Waldwege vom Schnee geräumt und die Steigungen mit Splitt bestreut, so daß die Anfahrt vom Schloß zur Jagdhütte, drei Kilometer durch den Winterwald, keine Probleme macht.

Endlich kommt die Wagenkolonne mit den Jägern, die sich an einem Frühstücksbuffet im Schloß erst einmal stärken. Bevor sie an ihre Abschußrampen gefahren werden, gibt ihnen der Forstamtsleiter bei seiner Begrüßung vor der Jagdhütte noch eine gute Nachricht mit auf den Weg: Das Wild sei in diesem Abschnitt noch völlig zahm, ja sozusagen zutraulich, da hier in diesem Jahr noch kein Schuß gefallen sei. Das läßt manchen der schon ergrauten Herren hoffnungsfroh aufhorchen.

Der Protokollchef aus dem Stuttgarter Staatsministerium ruft den Jägern noch ein „Waidmannsheil“ zu, dann brausen die Autos wieder davon. Wer eingeladen wurde und wer nicht, das verrät der Protokollchef nicht. Keinen einzigen Namen nenne er, denn das wecke bei den Nichtgeladenen „nur Begehrlichkeiten“. Lediglich soviel will er sagen: „Es sind alles Männer, die der Landesregierung am Herzen liegen.“ Auch Frieder und seine Kollegen haben keine Ahnung, wem sie Hirsche und Sauen vor die Gewehrläufe treiben. Den Waldarbeitern ist eingeschärft worden, über die bevorstehende Jagd niemandem etwas zu erzählen. Wenn das die Presse erfahre, dann würde nur „herumgeschmiert“.

Frieder wirft noch einmal einen Blick auf den Treibplan. Die darauf eingezogenen Linien und Pfeile erinnern eher an eine napoleonische Schlachtkarte: Angriff auf dem linken Flügel, dann die ganze Kompanie Schwenk rechts, über eine Lichtung, durch ein kleines Tal und frontal gegen die am Hang postierte Schützenkette. Der Plan für die Sechser-Gruppen ist bis auf die Minute ausgeklügelt. Während die einen im oberen Hangwald das Tal hinab ziehen, hetzen die anderen im unteren Teil das Wild gegenläufig. So ist die Chance zu entkommen für die Tiere am geringsten.