Er preßte seine Lippen auf ihre Lippen und gab ihnen einen Vorschuß, so daß die Zunge zwischen Ober- und Unterkiefer hindurchschlüpfen konnte. Die Zungenspitze machte eine Kitzeltour im Bereich des Gaumens und drang bis zum Schlund vor. „Lucas“, keuchte sie, aber er bremste ihre kraftlose Gegenwehr mit der fälligen Ankündigung: „Prosit Neujahr, Michaela. Dich daß ich nie wieder los.“ Sie nuschelte mit versinkender Stimme: „Ja, du, alles Gute, ganz besonders für dich.“

Er zog den Sektpfropfen heraus, und sie kam mit den Gläsern. Ein Schluck reichte ihm, und er suchte wieder ihre Lippen. Sie dachte daran, daß ihr Mann letztes Jahr um diese Zeit mit seinen Gedanken längst über alle Berge war, und sie strich Lucas wie zum Abschied über das Haar und sagte: „Wann mußt du denn wieder weg?“

Sie gossen Blei. Kurts Mutter sagte, daß sein Vater Silvester auch immer Blei gegossen habe. Mit dem Bleigießen habe er schon nach dem Essen angefangen und versucht, sich in einem der Klümpchen wiederzuerkennen; mal war es eine Art Arm oder Bein gewesen, mal was Rundes. Und er hatte immer gesagt, daß es Menschen geben soll, die in der Silvesternacht Punkt zwölf tot umfallen...

Kurt kommandierte in diesem Augenblick: prosit Neujahr! und gab seiner Frau einen Kuß. Die Lippen berührten sich dabei, der gelinde Druck öffnete ihren Mund einen Spalt breit, und er tupfte mit dem Zeigefinger darauf. Die Mutter bekam einen Kuß ohne Tupfer, und sie sagte, daß sich sein Vater mit dem Küssen auch nicht lange aufgehalten habe. Danach küßte sie ihre Schwiegertochter, bis Kurt „halt“ sagte.

Geschlossen starrten sie anschließend in den Himmel, und Kurts Mutter folgte den Schweifbildungen, die einige Leuchtkörper hinterließen, und ihre Phantasie schien Arme, Beine und Rundes darin zu erkennen.

„Millionen küssen sich in diesem Augenblick“, entfuhr es Andreas, genannt Andy, „die Gemüter sind erfüllt von Andacht, Trauer, Begehrlichkeit und Leere.“ Andy küßte Gisi, die mit den Fingern unter seine Haare tauchte, um die Ohren zu umkreisen; umgekehrt hob Andys Hand Gisis Kinn in das Kerzenlicht. Gisi küßte Andy, und ihr Atem drang tief, und dann flüsterte sie, während Andy beim Umschlingen seine Hand auf ihren Busen legte, als ob es da einen Schatz zu bewahren gelte, daß die Lippen eine Schwelle der Lust seien, Energie, in Wärme ungesetzt, schieße hoch und höher.

Sie hatten den Sekt mit Fruchtsaft gemischt, Andy löste seinen Nackenknoten, und Gisis Gesicht tauchte in seine Haarpracht ein. Gehauchte Beteuerungen kosten die Stimmung hinter dem Veloursvorhang im Souterrain.