Schon Lenin hatte verlangt, die Kommunisten müßten die „Kommandohöhen der Wirtschaft“ besetzen. Entsprechend militärisch ging es in der alten DDR zu. Der Sekretär des SED-Zentralkomitees, Günter Mittag, traf seine einsamen Entscheidungen, eine Art Generalstab von Hofschranzen nahm sie entgegen; auszuführen hatten die Befehle die 290 Generaldirektoren der Kombinate.

Diese „Generale“ befanden sich in einer merkwürdigen Zwitterstellung: Einerseits waren sie fast ausnahmslos Mitglieder der SED – einige sogar mit Sitz im Zentralkomitee (ZK) – und daher tief in das alte System der Parteiherrschaft verstrickt. Andererseits kannten sie – im Gegensatz zu Günter Mittag – die Realität innerhalb und außerhalb der DDR und ahnten daher früher als andere, wie tief der Karren im Dreck steckte.

Nach dem Sturz Honeckers waren sie die ersten, die grundlegende Reformen forderten. Im Zuge der Selbstauflösung der DDR verloren viele ihre Posten, andere versuchen noch heute – versehen mit kapitalistischen Titeln wie „Geschäftsführer“ und „Vorstandsvorsitzender“ –, ihre alten Betriebe auf den Markt vorzubereiten.

Eine der schillerndsten Figuren in diesem Kreise ist wohl Wolfgang Biermann. Vierzehn Jahre lang leitete er das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena und versuchte dabei, dessen rund 70 000 Werktätigen „mit dem Peitschenknauf den kapitalistischen Dauerlauf“ beizubringen, wie Wolf Biermann, der Liedermacher und Namensvetter des Direktors, lästerte. Als Tyrann verhaßt, sorgte er immerhin dafür, daß Carl Zeiss auch im Westen als Vorzeigebetrieb der alten DDR galt.

Ein paar Daten aus Biermanns Leben: 1944 Eintritt des Siebzehnjährigen in die NSDAP, 1956 SED, 1975 Generaldirektor in Jena, 1976 ZK-Mitglied. Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Biermann, als er im Herbst 1988 SED-Generalsekretär Erich Honecker das Labormuster eines Ein-Megabit-Chips made in GDR überreichte. Ein Potemkinscher Vorgang: Der Chip wurde nie in Serie gefertigt.

Nach dem Sturz Günter Mittags wurde Biermann noch kurze Zeit als dessen Nachfolger gehandelt, dann kam der steile Abstieg: Heftige Angriffe aus der Jenaer Bevölkerung führten kurz vor Weihnachten 1989 zum Rücktritt. Im Februar warf ihm der Generalstaatsanwalt der DDR „Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums vor“ – Biermann hatte Exponate aus dem Zeiss-Museum im Wert von 280 000 Mark an offizielle Besucher verschenkt.

Der Haftbefehl konnte jedoch zunächst nicht vollstreckt werden – Biermann wohnte bereits im (damals noch) westlichen Ausland, und zwar im Privathaus des saarländischen Wirtschaftsministers Hajo Hoffmann. Erst im August machte die Polizei den Unterschlupf Biermanns in Saarbrücken ausfindig. Die Beamten Saarbrücken Biermann zwar nur für einen Tag; das reichte aber aus, um im Saarland einen Riesenskandal zu verursachen und die dortige CDU-Opposition zu veranlassen, Hoffmanns Rücktritt zu verlangen.