Gegen Ende des Jahres ziehen wir uns gern für eine Weile aus dem anstrengenden Alltag zurück. Doch wohin? Die Antworten, die in diesen Tagen die Runde machen, bleiben unbefriedigend. In Lissabon, New York und Tokio waren wir schon. Auf Mallorca campen die neuen Bundesbürger, am Mittelmeer begegnen wir garantiert unserem Nachbarn. Harry fährt nach Mauritius, aber es wird auch dort immer voller.

Die Henschkes aus der zweiten Etage machen einen Club-Urlaub, „um uns mal richtig auszutoben“. Aber schon beim letzten Mal haben sie noch Wochen später versucht, die Kneipenrunde mit Perlengeld zu bezahlen. Andere wollen die freien Tage „aktiv und kreativ“ verbringen: Ute macht mit ihrem Steuerberater einen Zigarrenroll-Kurs auf Kuba und wird sich den ganzen Januar über jegliche Arbeit an der Schreibmaschine strikt verbitten. Karlheinz begibt sich auf Nepal-Trekking und wird mit komplizierten Rippenbrüchen heimkehren. Ganz zu schweigen von jenen harten Männern, die in diesem Winter – auf Messners Spuren – barfuß durch die Antarktis irren.

Nein,so schön die große weite Welt auch ist, wer glaubt, gewitzt zu sein, der bleibt zu Hause. Arno beispielsweise schreitet gern die nachweihnachtlichen Schaufenster in unseren Fußgängerzonen ab. Wahrscheinlich läßt er sich am Ende dieser Spaziergänge, völlig deprimiert, in irgendeiner Kneipe für den Rest des Jahres nieder. Und Annette möchte es sich „mal ganz gemütlich“ machen, also tagelang in die unendlichen Weiten des Fernsehprogramms abdriften. Und total gerädert ins Büro zurückkehren.

Ich hingegen habe mich für die Abgeschiedenheit des Mondes entschieden. Die Reise dorthin ist zwar nicht ganz einfach, doch der Erholungswert wird beträchtlich sein. Dort oben, so ist zu vermuten, findet man noch die Einsamkeit, um ganz seinen Gedanken nachhängen zu können in der überwältigenden Finsternis des Alls.

Ich werde den See des Todes und den Sumpf der Verwesung besuchen, natürlich auch das Meer der Heiterkeit und das Meer der Ruhe, in dem noch immer die Stars-and-Stripes-Flagge steckt. Bei ausgedehnten Spaziergängen auf der erdabgewandten Seite des Mondes werden mich nur die Stille und die Größe des Alls begleiten.

Den Berg Bradley werde ich erklimmen, vorsichtig, denn wer hier zu kräftig abhebt, braucht lange, um zu landen. Die Aussicht allerdings wird herrlich sein. Gerade geht die Erde unter, die riesige blauschimmernde Kugel schiebt sich ganz allmählich über den Horizont.

Und wer von dort unten hinaufschaut in der Silvesternacht, darf ruhig seinen Augen trauen: Von weit her grüßt der Mann im Mond. Johannes Groschupf