Berlin/Dresden

Sachsen lag im Spielfieber. Beim Kettenspiel „General 3000“ (siehe ZEIT Nr. 49) wollten Zehntausende über Nacht ihr Geld vermehren. Für eine Auszahlung von 24 000 Mark setzten sie 3000 Mark aufs Spiel. In den Gasthöfen und Bierzelten wurden Millionen umgesetzt, Abend für Abend. Was so unabwendbar war wie der Wechsel von Tag und Nacht, wurde verdrängt, ging unter im Glucksgefuhl des Geldrausches: das Ende des nur scheinbar endlosen Spiels. Jetzt ist es da und Tausende in der Ex-DDR begreifen das Prinzip des Schneeballsystems: Wenige gewinnen, viele verlieren.

Phan van Hoc und seine Frau Simone haben nie gewonnen, nur verloren – zusammen 12 000 Mark. Die vierköpfige Familie des dreißigjährigen, arbeitslosen Vietnamesen lebt vom Einkommen der Frau, die als Werkstoffpruferin im Stahlwerk von Gröditz arbeitet. „Mit dem Kindergeld haben wir monatlich 1400 Mark zur Verfügung“, sagt Simone van Hoc. Ab Januar, wenn im Stahlwerk Kurzarbeit angemeldet wird, ist es noch weniger. „Ich behalte wohl meine Stelle“, sagt sie, „aber ich werde auf null Stunden gesetzt und erhalte noch neunzig Prozent meines alten Lohns.“

„General 3000“ sollte aus der Misere helfen. Deshalb stieg das Ehepaar mit jeweils 3000 Mark auf zwei Spielerlisten als „Gefreite“ ein. Aber der Spielernachwuchs blieb aus, und das Ehepaar investierte weitere 6000 Mark; 3000 Mark liehen die van Hocs einem Freund, der spielwillig aber nicht flüssig war, und mit 3000 Mark schrieb sich Simone ein zweites Mal in ihre eigene Liste ein. So hofften sie, sich selbst auf die oberste Position in der Pyramide zu schieben, wo man als „General“ von den Einsteigern, den „Gefreiten“, 24 000 Mark kassiert. „Die 12 000 können wir abschreiben“, sagt Simone, „niemand macht mehr mit. Um das wieder hereinzuholen, müssen wir mindestens zwei Jahre sparen.“ Jetzt überlegt sich die Familie, das Auto zu verkaufen.

Zwei Blöcke weiter in der tristen Neubausiedlung in Groditz wohnt Jurek Telschow. Er gehört zu den Gewinnern bei „General 3000“ und würde sich gerne ein neues Auto zulegen. „Aber das würde nicht lange leben“, meint Telschow. Ein bißchen plagt ihn das schlechte Gewissen, weil ihn die Verlierer auf seiner Spielerliste bedrangen und ihr Geld zurückfordern. Aber noch mehr hat er Angst vor ihnen, sein Namensschild an der Tür hat er bereits abmontiert.

All dies braucht Detlef Jeck, Versicherungsvertreter aus dem Westteil Berlins, der mit dem Kettenspiel die ganze ehemalige DDR beglücken wollte, nicht mehr zu kümmern. Wortreich hatte der 39jährige in seiner ehemaligen Heimat den schnellen Reichtum vorhergesagt in Sälen und Zelten in Sachsen und Brandenburg, das Spielfieber in die Höhe getrieben und am Ende doch nur die eigene Geldgier befriedigt. Seine Dienste als Spielleiter hatte er sich von jedem Gewinner mit einer „freiwilligen Spende“ von 300 Mark bezahlen lassen. Die 500, 600, manchmal 900 Gewinner pro Abend brachten ihm Millionen. Jetzt ist Detlef Jeck untergetaucht. Seine Telephonnummer gilt nicht mehr, die Rolläden an seiner Berliner Wohnung sind heruntergelassen, das Firmenschild seiner Versicherung hat er von der Tür geschraubt. Sein Arbeitgeber, dem er noch 16 000 Mark Provisionsvorschuß schuldet, hat ihm gekündigt.

Wo Jeck sich mit seinen Millionen jetzt aufhält, weiß niemand genau. Die Hausbewohner haben ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. Eine Nachbarin: „Wir haben uns schon gewundert, als Jeck mit immer dickeren Autos vorfuhr und in der Fußgangerzone, direkt vor dem Haus, parkte. Um die Strafzettel hat er sich nicht mehr gesehen.“