Zu Ende des Jahres sind die deutschen Reiseveranstalter guter Dinge und verbreiten jenen sonnigen Optimismus, der unabdingbar zum Geschäft mit dem Ferienglück gehört. Insgesamt haben die 36 größten Veranstalter zwischen November 1989 und Oktober 1990 rund zehn Millionen Reisen und damit sechs Prozent mehr verkauft als im Vorjahr. Dies weist eine Analyse des Fachblattes Fremdenverkehrswirtschaft International (FVW) aus.

An der Rangfolge der vier Branchengrößten TUI, NUR, LTT und ITS hat sich nichts geändert, wenngleich die TUI nur wenig, NUR und LTT hingegen eine beachtliche Zahl neuer Gäste hinzugewinnen konnten. ITS hat sogar Teilnehmer verloren. Doch wenn sie weiterhin erfolgreich sein wollen, müssen sie den veränderten Wünschen der Reisenden künftig mehr als bisher Rechnung tragen.

Denn immer deutlicher zeigt sich, daß Urlauber die großen Ferien verkürzen und statt dessen lieber öfter einmal kürzere Reisen unternehmen.

Zunehmend suchen die Deutschen mehr Abwechslung und Unterhaltung, wenn sie sich auf Reisen begeben. Der Wochenendeinkauf in Paris, die Opernaufführung in Verona, eine kurzfristig geplante Woche in einer fremden Stadt – es sind die Besserverdienenden, die diesen Trend anführen. Diese Gruppe ist anspruchsvoll und bereit, dafür auch mehr zu zahlen. Ihre Erlebnisbereitschaft und Flexibilität hat dazu geführt, daß sich immer mehr kleine Veranstalter etablieren konnten. Und die machen gute Geschäfte, weil sie viel beweglicher auf Kundenwünsche reagieren können als die großen. Da bei ihnen geringere Verwaltungs- und Katalogkosten anfallen, können sie oft auch preisgünstiger kalkulieren.

Um dieses lukrative Feld nicht völlig der Konkurrenz zu überlassen, haben sich nach und nach auch die Branchenführer solche Edelnischen zugelegt. Vor Jahren schon waren NUR mit der Spitzenmarke „Terramar“ und das Deutsche Reisebüro (DER) mit seinem Spezialprogramm „Europas Grüne Oasen“ vorgeprescht. Selbst ITS, bisher eher als Anbieter von Standardzielen für den Familienurlaub bekannt, wirbt jetzt mit seiner neuen Marke „Eurojet“ um Reisende mit gehobenem Anspruch.

Die seit langem gut florierenden Ferienclubs sind ein überzeugendes Beispiel für eine Urlaubsart, die ganz bestimmte Zielgruppen anspricht. Ob Club Aldiana von NUR, Club Robinson von TUI, Club Kalimera von ITS: Alle drei haben Furore gemacht mit dem Angebot der abgeschotteten Ferienwelt nach Maß, wie sie der Club Mediterranee Anfang der sechziger Jahre ins Leben gerufen hatte. Sie alle sind weiter auf Expansionskurs, und zunehmend etablieren sich auch Clubs weniger bekannter Unternehmen.

Einen exklusiven und damit teuren Urlaub kann sich, gemessen an der Gesamtzahl der Urlauber, zwar nur ein kleiner Teil leisten. Dennoch hatten in diesem Jahr die teuersten Reisen die größten Zuwachsraten. Fernreisen nach Südostasien, nach Mittel- und Südamerika nahmen um zwanzig Prozent zu, und auch bei den Spezialisten für Studien- und Kulturreisen lag der Zuwachs nicht unter dieser Marge. Mehr als je drängte es Urlauber in die USA, zumal der Dollar besonders günstig stand. Wie beliebt Wochenendtrips und ein erlebnisorientierter Kurzurlaub waren, belegt der enorme Zuwachs bei den Städtereisen.