Von Fredy Gsteiger

Sie brauchen nicht zu hören, was wir zu sagen haben“, meinte Saddam Hussein brüsk, als er Mitarbeiter und Berater von einer Privatzusammenkunft der arabischen Führer ausschloß. Hinter verriegelten Türen redete er dann, am 28. Mai 1990, ehe der arabische Gipfel in Bagdad offiziell eröffnet wurde, seinen Amtskollegen ins Gewissen. Nicht gegen Israel oder die Vereinigten Staaten, wie alle erwartet hatten, richteten sich seine scharfen, von Schlägen mit der flachen Hand auf den Tisch bekräftigten Worte, sondern gegen die reichen Monarchien am Persischen Golf.

„Eine Aggression ist nicht auf Panzer, Artillerie und Gewehre angewiesen; es gibt viel subtilere, gemeinere Formen“, geißelte der irakische Präsident den „Wirtschaftskrieg“, den die Ölstaaten, allen voran Kuwait, angeblich mit ihrer Überproduktion gegen sein Land führten. „Eines Tages wird alles aufaddiert werden!“

Knapp zwei Monate später, am 27. Juli um 13 Uhr, zitiert Saddam Hussein die amerikanische Botschafterin April Glaspie in seinen Palast. Ihr bleibt keine Zeit, sich mit Washington abzusprechen. Gleich zu Beginn des Gesprächs, das vorwiegend aus Monologen Saddams besteht, fordert dieser ausdrücklich, seine Botschaft solle an Präsident Bush weitergeleitet werden. Für ihn handelt es sich also um eine indirekte „Begegnung“ auf hoher Ebene. „Der Irak akzeptiert nicht, sich umbringen zu lassen“, lautet die Kernaussage. Langatmig schildert Saddam der Botschafterin den Irak als ein von den reichen Scheichtümern, aber auch vom Westen wirtschaftlich bedrängtes Land. April Glaspie versichert ihm, Bush plane keinesfalls einen Wirtschaftskrieg gegen den Irak. Saddam versteht diese Bemerkung offenbar als grünes Licht für seinen Raubzug. Seine Truppen sind an der Grenze zu Kuwait schon verstärkt. Er droht: „Es wird nichts geschehen – sofern Kuwait positive Signale an uns sendet.“

Beide Auftritte Saddams sind in der Nachschau bedeutsam. Sie waren vertraulich, doch für die Entscheidungsträger in der arabischen Welt wie im Westen ließen sie kaum mehr einen Zweifel an seinen Absichten zu. Sie haben den Despoten nicht ernst genommen. Sie hielten ihn für ein Großmaul aus einem – durch den achtjährigen Krieg gegen den Iran – verarmten Drittweltland.

Schwer zu verstehen ist heute, wie gelassen Emir Jaber von Kuwait beim Araber-Gipfel Saddams Brandrede über sich ergehen ließ. „Allmächtiger Gott, du bist Zeuge, daß wir sie gewarnt haben“, erklärte Saddam gleich nach dem Einmarsch in Kuwait. Das zumindest ist wahr. Erlogen ist indes die Begründung für die Ansprüche gegenüber dem Scheichtum: Weder ist das umstrittene Ölfeld Rumeilah für den Irak wichtig. Er besitzt die vermutlich zweitgrößten Ölreserven der Welt. Noch wäre ein friedfertiger Saddam auf die beiden Inseln Warbs und Bubijan im Golf angewiesen. Das Zweistromland ist ein potentiell reicher Staat, den einzig die Machtgier und die Kriegslüsternheit seiner Herrscher ins Elend getrieben hat.

Die Ereignisse überstürzten sich in den ersten Augusttagen: Bereits am frühen Morgen des 2. August um 6 Uhr 30 triumphierte Saddam in seinem Bunker, wo er sich mit seinem „Revolutionären Kommandorat“ verschanzt hatte. Kuwait war in der Nacht gefallen. Am selben Abend, kurz nach neun, las Vize-Ministerpräsident Saddoon Hammadi vor der islamischen Konferenz – die mit Spannung ein irakisches Versöhnungsangebot erwartete – einen einzigen Satz vom Blatt ab: „Die Situation in Kuwait ist nicht verhandelbar.“ Er löste eine Schockwelle im Saal aus.