Von Sibylle Cramer

Die Normalität ist verrückt. Das ist ein altes Thema der Literatur, die mit dieser Wahrheit wie in so vielen Fällen den Wissenschaften vorauseilte. Die amerikanischen Autoren John Ashbery und James Schuyler machen nicht den gängigen Umweg über das Pathologische, das als Gegenspieler der Vernunft die Eindeutigkeit des Normalen in Frage stellt. Sie gehen direkt vor und zeigen Normalität in gehäufter Form. Das reicht für einen Umsturz.

Erwin Einzingers Buchtitel ist eine Notlösung. Ein Haufen Idioten kann eine Versammlung menschlicher Unikate sein, beispielsweise ein Irrenhausausflug oder die gegnerische Seite, der aus taktischen Gründen der Verstand abgesprochen wird. Der Originaltitel „A Nest of Ninnies“ meldet aber eher kindsköpfige Nesthocker.

Die Idioten haben alles, was ein angenehmes Leben verschafft, viel Geld, genug Verstand zum Durchkommen und einen ausgesprochen gesellig wirkenden Mangel an Eigenschaften. Von Experimenten, geistigen Aufregungen, Abenteuern, Abwechslung halten sie nichts. Darum rühren sie sich nicht vom Fleck, obwohl sie um die halbe Erde reisen. Der Roman beginnt in einer Küche und endet in einem Restaurant. Das ist die genaue Vermessung des inneren Wegs, den die Figuren zurücklegen. Den Umweg um den halben Globus hätten sie sich sparen können.

Es beginnt mit dem erbarmungswürdigen häuslichen Abendbrot eines mißgelaunten Geschwisterpaares, das in einem ererbten Knusperhäuschen mit Blick auf einen sechsspurigen Superhighway an der Peripherie New Yorks lebt. Die Stimmung hebt sich, als die Tür aufgeht und die Tochter der Nachbarn hereinschneit. Eine halbe Stunde später sitzen sie im nächsten Restaurant. Kaum haben sie ihre schauderhaften Getränke bestellt, geht die Tür auf und die Eltern des jungen Mädchens schneien herein.

So geht es immer weiter, von einem Treffpunkt zum nächsten vergrößert sich die Gruppe. Man sitzt in überheizten Räumen, trinkt Rum-Cola, Fischerhüttenpunsch und Sodawasser, ißt Maiskuchen, Erdnüsse und Rhabarberrosinentorte und redet von dem zurückgezogenen Leben, das man führt, von der schönen Picardie, außersinnlicher Wahrnehmung und den Glockenblumen in Schottland.

„Irgendwie hatte ich nicht erwartet, daß Paris so sehr wie Florida ist“, sagt Fabia mit einem Martini in der Hand, draußen vor den Fenstern der Eiffelturm und die Umrisse der École Militaire. Mrs. Bridgewater sucht Stiche, die zu den gedämpften Farben des Wohnzimmers ihrer Freundin passen. Man ißt spanisch und geht ins nahegelegene Varieté. „Manchmal kommt mir alles sehr bekannt vor“, sagt Alice.