Von Annette Bopp

Die chronische Polyarthritis (cP) gehört immer noch zu den Krankheiten, bei denen Arzte den Betroffenen wenig Hoffnung machen können Das Leiden beginnt ohne Vorwarnung, besteht lebenslang und ist nicht heilbar Große und kleine Gelenke, an der Hüfte oder den Händen, werden schmerzhaft angegriffen, manchen Kranken droht früher oder spater sogar ein Leben im Rollstuhl

Dennoch Es gibt viele Möglichkeiten, eine rheumatoide Arthritis – so der moderne Fachbegriff für die cP – zu behandeln Medikamente können die Entzundungsschube verzogern und Schmerzen dampfen Mit Krankengymnastik sollen die Gelenke beweglich bleiben Ergotherapeuten konstruieren gelenkschutzende Schienen und andere raffinierte technische Hilfsmittel, mit denen selbst kraftlose Hände Wasserhahne aufdrehen, Haare bürsten, Fenster offnen oder Brot schneiden können

Daß nur wenige Rheuma-Patienten in den Genuß solcher Unterstützung kommen, hat eine vom Bundesforschungsministerium (BMFT) geforderte Studie über die „Wohnortnahe Versorgung von Rheumakranken“ festgestellt In fachrheumatologischer Behandlung sind die wenigsten, die meisten suchen beim Hausarzt Rat und Hilfe, der damit oft überfordert ist Denn in Physiotherapie und Rehabilitation kennen sich Allgemeinärzte kaum aus Erst seit zehn Jahren können sich Internisten und Orthopaden überhaupt für das Fachgebiet Rheumatologie in einer zweijährigen Zusatzausbildung qualifizieren Nur vier spezielle Lehrstuhle für Rheumatologie gibt es bislang in der Bundesrepublik, ansonsten wird das Krankheitsbild „Rheuma“ im großen Bereich der Inneren Medizin mitgelehrt Dies, obwohl die Krankheiten des rheumatischen Formenkreises zu den häufigsten gehören, die einem Allgemeinarzt in der täglichen Praxis begegnen

Die vom BMFT 1983 gestarteten Modellprojekte in Hannover, Schleswig-Holstein, Rosenheim (Bayern), Unna und Emmerich (beide Nordrhein-Westfalen) sollten beispielhaft prüfen, ob ein verstärktes Angebot an ergänzenden Maßnahmen wie Krankengymnastik, Ergotherapie und psychologisches Schmerzbewaltigungstraining sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt Ende 1990 ist die Forderung durch das Ministerium ausgelaufen, und so zogen die Beteiligten vor kurzem in Bonn im Rahmen einer Tagung Bilanz über das in siebenjähriger Arbeit Erreichte

Das Ergebnis ist nicht dramatisch, aber respektabel „Wir konnten zeigen, daß sich mit einem verbesserten therapeutischen Angebot die rheumatoide Arthritis innerhalb von mehreren Jahren zumindest nicht verschlimmert“, stellte Hans-Heinrich Raspe, Sozialmediziner an der Universität Lübeck, fest „Das ist viel, wenn man bedenkt, daß eine cP progressiv verlauft, sich also standig verschlimmert, und in diesem Zeitraum oft erhebliche Einschränkungen in der Gelenkfunktion und Beweglichkeit nach sich zieht“ Die Patienten der Modellversuche litten seltener unter depressiven Verstimmungen und klagten weniger über Schmerzen Auch zeigte sich ein milderer Krankheitsverlauf

Allerdings hat sich – verglichen mit anderen OP-Kranken – die Funktionskapazitat der Gelenke nicht wesentlich gebessert Zwar fiel es den Modell-Patienten im ersten Jahr der zusatzlichen Behandlung leichter, den Alltag zu bewältigen, vor allem, wenn ihr Arzt eng mit Krankengymnasten, Ergotherapeuten und Psychologen zusammenarbeitete Nach fünf Jahren klagten jedoch alle Betroffenen über fortschreitende Beweglichkeitseinbußen, wenngleich diese weniger ausgeprägt waren als bei anderen cP-Patienten