Der Erste Weltkrieg und der Aufbruch der Kunstmoderne

Von Peter Reichel

Ereignisgeschichtlich ist der Anfang des Großen Krieges – wie man den Ersten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges genannt hat – genau zu bestimmen. Doch in einer übergreifenden, kulturgeschichtlichen Perspektive ist der 1. August 1914 kaum von Belang. Denn dieses Ereignis, mit dem ein Jahrhundert starb und ein neues ebenso qual- wie lustvoll geboren wurde, hatte sich lange vorher angekündigt. Dieser Krieg, der erst in seinem weiteren Verlauf, in seinem Ausmaß, in seiner Länge und in seinen Folgen als ungeheuerlich empfunden wurde, war – als er begann – nicht unerwünscht und unerwartet erst recht nicht. Aus heutiger Sicht erscheint die „große Urkatastrophe dieses Jahrhunderts“ (George F. Kennan) wenigstens dreifach vorprogrammiert (Ernst Schulin): durch eine europaweite kriegsbereite Machtpolitik, eine rapide Entwicklung des militärisch-industriellen Komplexes und eine Kriegsbegeisterung, welche die Massen lange vor der militärischen Mobilmachung innerlich mobilisiert hatte. Zumal im Wilhelminischen Deutschland.

Künstler und Schriftsteller, Publizisten und Professoren gaben dieser Stimmung ebenso beredten wie bildhaften Ausdruck. Für den jungen Carl Zuckmayer etwa bedeutete der Krieg „Befreiung von bürgerlicher Enge und Kleinlichkeit“. Auch Ernst Toller, der bald einer der leidenschaftlichsten Gegner der militärischen und politischen Führung werden sollte, ließ sich mitreißen von der orgiastischen Welle der Kriegseuphorie: „Alle sprechen eine Sprache, alle verteidigen eine Mutter, Deutschland.“ Noch Jahrzehnte später bekannte der längst europabewußte und pazifistisch eingestellte Stefan Zweig, „daß in diesem ersten Aufbruch der Massen etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches lag“.

So kurz und kraftvoll, so strahlend und unwiderstehlich wie ein die Winterstarre aufbrechender Frühling sollte dieser Krieg sein. Materiell und psychologisch war man nur für einen mehrwöchigen Waffengang gerüstet. „Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt“, rief der Kaiser seinen ausrückenden „Feldgrauen“ zu.

Während dieser wohl meinte und vielleicht auch glaubte, was er sagte, sprach die künstlerische Avantgarde vom Frühling in einem ambivalenten, metaphorischen Sinne. Wiederholt wurde so die Wechselwirkung von Tod und Leben, Zerstörung und Erneuerung zum Ausdruck gebracht. Im kulturgeschichtlichen Rückblick erschließt sich daraus der enge Zusammenhang von Krieg und Kunstmoderne in besonders sinnfälliger Weise. Zwei Beispiele. Im Frühjahr 1911 schreibt der nahezu unbekannte Georg Heym vielleicht eines der schönsten seiner späten Sonette: Printemps.

Hart sind die Bilder hier gegeneinandergestellt. Die weißen Kirschblütenzweige und der schwarze Tod, das helle Kirchglöckchen und die himmelragend-drohenden dämonischen Gestalten, die grüne Saat, durchfurcht von Gräben, angefüllt vom Blut einer Todesmaschine.