Ich darf sagen, ich bin dabei, weltweit. Wer kann das schon von sich behaupten? Und: welch Bürde! Gerade in diesen Tagen bricht mein Bekanntheitsgrad sozusagen alle Grenzen. Denn jetzt, kaum ist das Liebesfest vorbei, sitzen sie überall dort, wo nach westlich-christlichen Zeitrechnung das alte Jahr abgeräumt wird, wieder beisammen, ganze Familien, und quälen einander mit ihren Dias und Videos vom Sommerurlaub. (Wofür, das heißt: für wen reist man denn, plackert sich ab – wenn nicht für die bleichen Ofenhocker, die ewigen Dableiber?!)

Und wo war das? fragt denn also pflichtschuldigst eine matte Stimme aus dem dunklen, nur vom Bild auf der Leinwand erleuchteten Wohnzimmer irgendwo in Springfield (Illinois) oder in Metz oder in Mailand, und schon läuft Papa zu Hochform auf: Das sei Rüdesheim, wo Mama noch so schlecht wurde. Nein, ruft Mama, das war Amburgo, wo Jean, beziehungsweise Luigi, dieses große schreckliche Schnitzel gegessen hat... Und das? fragt die matte Stimme aus dem Hintergrund freudlos weiter. Das, ruft Papa ganz erregt, sei so ein German Castle. Nein, die old City Hall, sagt Mama, das Hotel de Ville à Hambourg, leider nicht ganz drauf, wie blöde, aber der Turm war einfach zu hoch und außerdem alles mit Gegenlicht. And that man da? plagt sich die matte Stimme höflich. Oh, cet homme, sagt Papa dann beiläufig, das sei so ein Allemand, der zufällig mit draufgekommen sei. Und hier irrt Papa sich ausnahmsweise einmal nicht.

Denn that man – das bin ich. Ich, sommertags, munter, die Aktentasche in der Hand, den Hamburger Rathausmarkt überquerend, auf dem Weg in die Redaktion. Da gehe ich, leichten Schritts, vorbei an den knipsenden und filmenden Touristen, lächelnd, winkend, Deutschland ist schön! rufend. So bin ich dabei, überall in der Welt.

So bin ich dieser Tage zu sehen, auf Hunderten von Dias und Videobändern in Tausenden dunkler Wohnzimmer zwischen Madrid und Sapporo – Mama und Papa und Tante und Fernando und Jack und Noriko, das Hamburger Rathaus (nicht Jack drauf, wie blöde!) und irgendwie dazwischen, dahinter, davor, daneben: zufällig ich, the German.

Was für eine Verpflichtung! Ich bin mir dessen bewußt. Ich weiß: Tausende starren auf mich. Un Allemand – sieh an!

Und doch befällt mich von Zeit zu Zeit ein bedrückender Zweifel: Bin ich ein guter Hintergrund? Bin ich der richtige Sympathieträger für Deutschland? Sagen die Leute, die, die sich das alles ankucken müssen, die mit der matten Stimme, sagen die jetzt: Eigentlich gar nicht so verkehrt, eigentlich ganz niedlich, so ein Deutscher, kann man doch auch mal hinfahren?

Oh, ich bemühe mich. Wenn ich sehe, daß die Kameras gezückt werden und die Handycams surren, dann bin ich zur Stelle. Ich winke und lächele im Namen aller Deutschen (auch derer in den fünf neuen Ländern, die vergesse ich dabei natürlich nie). Mein Gang ist pazifistisch leicht, meine Haare sind weizsäckerartig gekämmt, meine Jacke ist halb offen – ich bin sicher, daß das Eindruck macht, daß das versöhnlich wirkt und auch der deutschen Industrie im Ausland zugute kommt... daß das Vertrauen schafft, selbst in Israel, den Niederlanden, in der Schweiz und Liechtenstein.