Von Christoph Bertram

Was immer den Ausschlag für seinen plötzlichen Rücktritt gab, eins ist gewiß: Die sowjetischen Militärs haben das Ihre dazu beigetragen, Eduard Schewardnadse das Amt des Außenministers gründlich zu vergällen. Denn der Mann, der fünfeinhalb Jahre lang die neue sowjetische Außenpolitik prägte, mußte am Ende feststellen, daß die durch Gorbatschows innenpolitische Nöte aufgewertete Armee sich daranmachte, ihn um das kostbarste Gut jedes Außenpolitikers zu bringen, seine internationale Glaubwürdigkeit.

Diese Glaubwürdigkeit verdankte Schewardnadse vor allem drei Umständen. Zum einen galt er als der wichtigste Weggefährte Gorbatschows. Wenn Schewardnadse seinen Kollegen in den anderen Hauptstädten Zusagen machte, dann war damit auch immer der Präsident der Sowjetunion im Wort.

Zum anderen war es Schewardnadse, der das neue Denken zu einem außenpolitischen Gesamtkonzept zusammenfügte: Die Sowjetunion, so sein Grundgedanke, hat sich durch die Abkapselung von der übrigen Welt selbst zur Rückständigkeit verurteilt. Nur wenn sie bereit ist, mit allen Rechten und Pflichten Teil des internationalen Systems zu werden, kann sie ihre Krise überwinden.

Und schließlich: In der internationalen Politik, in der sonst nüchterne Interessen das Verhalten der Staaten bestimmen, verstand der verbindliche Mann mit dem harten Schädel so etwas wie Freundschaften zu knüpfen, vor allem zu den Amerikanern Shultz und Baker und zu dem Deutschen Hans-Dietrich Genscher – jene persönliche Wertschätzung und menschliche Gemeinsamkeit, die es ihnen erlaubte, auf der immer schneller laufenden Rolltreppe des internationalen Geschehens in den vergangenen achtzehn Monaten gemeinsam die Balance zu wahren.

Allerdings: Was Schewardnadse draußen Glaubwürdigkeit verschaffte, brachte ihn drinnen in wachsenden Gegensatz zu den sowjetischen Militärs. Schewardnadse nutzte seine enge Beziehung zum Kreml-Chef, um die Zuständigkeit seines Ministeriums beharrlich und erfolgreich auch auf Domänen auszuweiten, die die Marschälle bisher eifersüchtig für sich reserviert hatten. Seine Vision von der einen Welt, in der die Sowjetunion ihren Platz finden müsse, lief traditioneller militärischer Vorliebe für quantitative Überversicherung, Geheimniskrämerei und Abschottung zuwider. Seine engen Vertrauensbeziehungen zu westlichen Staatsmännern setzten ihn der Verdächtigung aus, vermeintliche militärische Trumpf-Karten der Sowjetunion leichtfertig verspielt zu haben.

Eine kürzlich erschienene Studie der Rand Corporation, der traditionsreichen Denkfabrik des Pentagons, über die Rolle Schewardnadses bei der Formulierung sowjetischer Verteidigungs- und Abrüstungspolitik zeichnet nach, wie sich der Konflikt zwischen Außenamt und Armeeapparat zusammenbraute.