Gleich wird wieder gelacht. Der Kabarettist wendet sich der leise glucksenden Menge zu. Einen Augenblick lang hält er inne. Plötzlich schiebt er das Kinn nach vorne, wölbt die Lippen, blast die Backen auf und läßt die Luft, untermalt von einem blubberndem Singsang, wie aus einem prallen Luftballon entweichen. Noch ist der Name nicht gefallen, schon aber weiß jeder, wer gemeint ist: der Kanzler ist’s, ach wie komisch! Und während wir grölen und uns die Schenkel klopfen, wischt sich der Narr triumphierend den Speichel aus den Mundwinkeln. Armer, einsamer Narr, dem nur einfällt, seinem Herrn und seinem Publikum zu gleichen, der tumben Instinkten folgt, statt seine helle Narrenglocke zu läuten.

„Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muß und hinausgepeitscht wird, während Madame Schoßhündin am Feuer sitzen und stinken darf“, bemerkte einmal ein radikaler Spaßmacher, der Narr von König Lear, dem seine Weisheit mit Peitschenhieben vergolten wurde. Echte Narren leben gefährlich. Westdeutsche Kabarettisten leben beinahe wie Könige. Ihre Vorstellungen sind ausverkauft. Wer ist schon bereit, in ein Loch zu kriechen und seinem Publikum bittere Wahrheiten ins Gesicht zu schleudern? All die schalen Sätze, die für feinen Witz gelten, deren Pointen schnell sind und von kurzem Atem. „Liebe geht durch den Saumagen“, tönt es vertraulich von den Kleinkunstbrettern, bei Richling, Martin Buchholz und vielen anderen, während unten das Gelächter tobt. Wir erfahren von Bonn, der „Grünanlage hinter den sieben Bergen“ (herrlich!), hören von Trabifahrern, die ins „Rasen kommen und andere darunter bringen“ (genau!), von dummen Deutschen, die „Urlaub in Pizzeria“ machen (die Armen!). Kein ernster Spott, ein kleines Späßlein nur in Ehren, das ja nicht uns, sondern den anderen gilt. Da läßt sich’s ausgelassen schunkeln, muß kein Auge trocken bleiben und darf der Kritiker am Ende in sein Büchlein schreiben: „Ein vergnüglicher Abend war es allemal.“

Einst hingen Narren am Rockzipfel der Mächtigen, der Herren und Könige. Der Narr hielt seinem Herrn den Spiegel vor. Er verhöhnte ihn. Wen er aber verhöhnte, dessen Gunst gewann er auch. Der König brauchte den Narren. Der Narr offenbarte ihm die Wahrheit, verriet ihm, was die anderen vom König dachten. Mächtige können auf Dauer nicht ohne Wahrheit leben, also auch nicht ohne Narren.

Hohenschönhausen ist ein altes Villenviertel in Berlin. Die Häuser dort sind grau und dickwandig. Kein Laut dringt nach außen. Es ist düster und still. In weiten Abständen glühen gelbe Straßenlampen. Die Luft riecht schwer. Hohenschönhausen war die Heimat der Mächtigen. Früher wohnten hier Fleischgrossisten. Später zog die Gestapo ein, und nach dem Krieg geriet das Quartier in die Hände der Stasi-Offiziere. Wenn Peter Ensikat, aus seiner Wohnung kommend, an Mielkes Gästehaus vorüberging, senkte er den Kopf, damit die Kamera über dem Hauseingang nicht sein Gesicht streifte. Damals war er Bürger der DDR. Er war privilegiert. Er durfte reisen. Und er durfte Kabarettist sein. Seine Späße aber meinten es ernst. Sie trafen und mußten nicht einmal Namen ihrer Opfer nennen. „Wir singen Niederlagen klein, wenn wir wo unterliegen“, plärren die Stimmungsliedermacher aus seinem Programm „Überlebens-Zeit“. „Denn was nicht sein kann, darf nicht sein, weil wir gesetzlich siegen.“

In der alten DDR waren Kabarettisten Stimmungsliedermacher. Sie sangen laut, so laut, daß das Publikum plötzlich auch die leisen Töne entdeckte, das Triumphgeheul als falsche Hymne entlarvte und über den traurigen Grabgesang lachte. Gemeinsam mit Wolfgang Schaller schrieb Peter Ensikat für dreizehn Kabarettbühnen, die von ihren Zuschauern geliebt, von den Funktionären geduldet wurden.

„In der DDR wurden Satiriker zu Klassikern“, erzählt Peter Ensikat. „Alles war ja wie versteinert, und da sich nichts änderte, war auch das Lachen von Dauer.“ Kabarettvorstellungen waren jahrelang im voraus ausgebucht. Karten wurden an Brigaden, Betriebe und Jugendverbände abgegeben. Lachen war vorhersehbar. Die Zuschauer waren sich einig, teilten Müdigkeit und Trauer und waren dankbar, endlich einmal höhnisch spotten zu dürfen. Natürlich wurde zu laut gelacht, verkam Lachen zu Gelächter, gerieten Soäße zu matten Kalauern und ließen am Ende nur Erschöpfung und verlachten Zorn zurück. Wirte schlangen und Reichsbahn und Kopfsteinpflaster, schales Trabiglück und kleine Sommerlagerfreuden – all das war vertraut, ein jeder Scherz ein Evergreen. Und manch ein Herr in Grau, mit Orden und geballten Siegesfäusten dekoriert, war heiter, lustig, nicht anders als sein braver, sonst so stiller Nachbar. Der Staat und seine Diener rückten iahe aneinander.

Doch dann wurde es plötzlich totenstill im Saal. Kein Plappern mehr und nur noch Schweigen. Der Kabarettist hielt still. Der Narr ergriff das Wort mit leiser Flüsterstimme und sprach in Rätseln, die ein offenes Geheimnis waren. „Laß uns einmal über die Medien sprechen. Hast du schon gehört, was der russische Präsident gesagt hat?“ – „Beim heiligen Michail, muß das sein?“ – „Wer sagt, daß es unerwünscht ist, den Präsidenten zu zitieren?“ – „Sagen tut’s keiner.“