...und was Erwachsene von todkranken Kindern lernen können

Von Marlies Menge

Kinder schreiben um ihr Leben: Allesamt sind sie Krebspatienten in einer Tübinger Spezialklinik. Die Geschichten wuchsen zu einem Buch zusammen, das kürzlich mit dem Gustav-Heinemann-Preis ausgezeichnet wurde. Marlies Menge hielt die Laudatio.

Bücher können ja eigentlich nicht zaubern, und als vernünftiger Erwachsener glaubt man natürlich auch nicht mehr an Zauberei, aber das Buch*, über das ich heute hier reden soll, hat mich unsicher gemacht, ob das mit unserer Erwachsenenvernunft wirklich immer so ganz stimmt. Es ist nämlich was Merkwürdiges mit mir passiert. Ich habe mich sehr gewehrt, die Laudatio zu halten. Sie wissen ja, wie das geht: Eigentlich hatte ich viel zu tun, ich war sicher, ich schaffe das nicht. Und als ich hörte, worum es ging, nämlich um Geschichten, die krebskranke Kinder geschrieben haben, einige davon sind inzwischen gestorben, war es ganz aus. Ich dachte, das kann ich nicht. Die erste Zauberei war, daß ich trotzdem zugesagt habe, sonst stünde ich heute nicht hier.

Ich habe gegen meinen Willen, gegen meine innere Uberzeugung zugesagt. Innerlich habe ich mich weiter gewehrt, habe das Buch immer wieder beiseite gelegt. Aber plötzlich an einem Abend fiel mein Blick auf das Buch, und ich habe abgesagt, was ich an dem Abend vorhatte und alle Termine für den nächsten Tag, eigentlich hätte ich es noch gut ein paar Tage verschieben können – und bin in das kleine Büro gefahren, wo ich in Ruhe nachdenken kann. Und ich war auf einmal ganz aufgeregt.

Ich habe das Buch noch an diesem Abend in einem Zug durchgelesen, ja, man kann sagen, ich war wie verhext. Ich habe schlecht geschlafen, habe von Schläuchen und Spritzen und Gespenstern und Elefanten geträumt, und am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Und dann habe ich mir das Buch noch mal vorgenommen, es Seite für Seite buchstabiert, wie ein ABC-Schüler seine erste Fibel.

Und beim Buchstabieren habe ich immer mehr gemerkt, wie dumm wir Erwachsenen sind, wie wir gar nicht mehr richtig selber leben, sondern gelebt werden, immer in irgendeinem Streß, uns nie Zeit für Sachen lassen, die Spaß machen, wie sehr wir das Leben verlernt haben. Das Buch hat mich auf eine wirklich zauberhafte Weise aus diesem ständigen Funktionieren herausgeholt, ich hatte auf einmal das ganz wunderbare Gefühl, daß da noch was Anderes sein muß, als von Termin zu Termin zu hetzen, um Artikel zu schreiben, die dann doch kaum einer liest.