Ungehobene Schätze sind selten in der neueren Kunst, schon gar, wenn ihr Urheber als eine gesicherte Figur des längst historisch gewordenen Kunstgeschehens im Nachkriegsdeutschland gilt. Doch der retrospektive Blick auf die jüngere Vergangenheit fördert gegenwärtig mancherorts Überraschendes zutage.

Das zeichnerische Werk des Berliner Bildhauers Hans Uhlmann, zum Beispiel, ist ein solcher Schatz: ein vielgestaltiges Œuvre, über die Jahrzehnte gewachsen und vom Künstler stets als zweite gleichwertige Ausdrucksmöglichkeit neben seiner bildhauerischen Arbeit angesehen. Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg, das gerade gemeinsam mit der Berlinischen Galerie das graphische Werkverzeichnis herausgegeben hat, zeigt nun eine Ausstellung der Zeichnungen und Aquarelle aus den dreißiger bis in die späten sechziger Jahre. Die Schau wird anschließend in Berlin zu sehen sein, in der Stadt, die Uhlmann prägte und wo er nach dem Krieg Akademielehrer wurde – der Stadt auch, in der er in Gestapo-Haft begann, sich intensiv mit Zeichnung auseinanderzusetzen. Der Ingenieur Uhlmann verstand den Umgang mit dem Bleistift, mit Kohle, Tusche und Feder als Möglichkeit der Formfindung und Kontrolle räumlichplastischer Vorstellungen. Die Zeichnung war ihm aber auch notwendig als freie und spontane Niederschrift bildnerischer Ideen jenseits jeder Konstruktion. Gerade diese offenen Erprobungen graphischer Strukturen sind es, die heute faszinieren: Eine weitgehend unbekannte „zeichnerische Wildnis“ (so Uhlmann) öffnet sich und läßt ihre Energien weiterwirken.

Auf den Kontrasten von Schwarz und Weiß baute der Zeichner seine Etüden auf; Linie und Fläche, Fläche und Raum, rhythmische Bewegung und Stillstand reflektierte der als Schöpfer hartkantiger Abstraktionen in Eisen und Stahl bekannte Bildhauer, und wer sich die Blätter genau anschaut, kann sehen und spüren, daß organische und kristalline Wachstumsprozesse den Künstler dabei inspirierten.

Konstruktive Ideen wechseln mit tänzerischer Figuration und skripturalen Blättern, und die freien graphischen Strukturen verdichten sich in den späten Arbeiten: dunklen, ruhigen Blättern, deren Oberflächen zu atmen scheinen wie schwarze Organismen, minimal bewegt und dabei den Zeichnungen Richard Serres verblüffend verwandt. „Zeichnerische Wildnis“ als Laboratorium; Beschäftigung mit der Zeichnung als ernsthafte, stets genau und vorsichtig artikulierte Tätigkeit. Die schöne Ausstellung lädt ein, sie zu entdecken. (Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg, bis zum 6. 1. 1991; Katalog 45 Mark; danach Berlinische Galerie im Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis zum 3. 3. 1991)

Ursula Bode