Von Klaus Bölling

BERLIN. – Wenn ich Gottfried Forck im Fall de Maizière widerspreche, muß ich mich nicht erst vor seiner so manches Mal bewunderten Geradlinigkeit verbeugen. Doch anders als Albrecht Schönherr, sein großer Vorgänger im Amt des Bischofs von Berlin-Brandenburg, urteilt Forck in politicis bisweilen allzu emotional. In seiner gefühlvollspontanen Art hat er in der Vergangenheit immer wieder bundesdeutsche Überheblichkeiten und Selbstgerechtigkeiten treffend bei Namen genannt. Mit seiner Forderung, es solle aus der Affäre de Maizière, der ihm „einfach leid tut“, die Konsequenz eines Schlußstrichs gezogen werden, kann ich ihm nicht folgen. So wird es vielen seiner engeren Landsleute und vielen früheren BRD-Bürgern gehen.

Natürlich meint es Forck nur gut, wenn er für einen „Neuanfang mit neuem Vertrauen“ wirbt. Es wäre tatsächlich „makaber“, wie er sagt, wenn sich der Eindruck festsetzt, nur jene seien „sauber und rein“, die das Glück hatten, vierzig Jahre unter dem Dach des Grundgesetzes leben zu können, während „alle Bewohner der früheren DDR verdächtig“ seien. Richtig ist auch, daß er uns zur Zurückhaltung im Umgang mit der „Stasi-Problematik“ mahnt. Die Mahnung ist gut begründet. Im Westen und im Osten marschieren, in breiter Front, die Pharisäer.

Wenn Gottfried Forck dafür plädiert, die „Stasi-Akten zu schließen und die Dinge auf sich beruhen zu lassen“, so begibt er sich aber gerade in die Gesellschaft von Leuten, die den von ihm gewünschten „Neuanfang“ zielstrebig und bis heute ziemlich erfolgreich zu vereiteln suchen. Forck liefert auch jenen anderswo zu ortenden Kreisen erwünschte Stichworte, die mit System und schlimmer Häme verbreiten, er selber und andere hohe Würdenträger der Evangelichen Kirche, die zum Konzept von der „Kirche im Sozialismus“ keine Alternative sahen, hätten das untergegangene Regime immer etwas zu schönen versucht. Gegen solche Verdächte ist Forck bei allen, die ihn kennen, gefeit.

Hat sich der Bischof aber mit de Maiziere das richtige Exempel ausgesucht, um die von ihm augenscheinlich geargwöhnte Arroganz der Westdeutschen zu beklagen? Lothar de Maizière, der im Marcel-Proust-Fragebogen auf die Frage nach dem am ehesten zu entschuldigenden Fehler geantwortet hat: „Vergeßlichkeit“, mag ja eine tragische Figur genannt werden. Tragisch erscheint der Mann aber nicht deshalb allein, weil ihn die Heckenschützen des Staatssicherheitsapparates als jenen „Czerny“ vorführen möchten, der ihnen angeblich mehr erzählt hat, als es aus Gründen seiner anwaltlichen Fürsorge um seine Mandanten zwingend gewesen ist.

De Maizière hat sich selber ins Zwielicht gebracht, sehr früh schon, als er solche sinistren Gestalten wie die ehemaligen Minister Wünsche und Diestel, Steinberg und Viehweger unter seine Fittiche nahm und die nach Selbstreinigung verlangenden Idealisten der Bürgerrechtsbewegung kaltschnäuzig abfahren ließ. Seine Wandlung vom Anhänger des „christlichen Sozialismus in einer erneuerten DDR“ zu einem Profi-Politiker, der anderer Leute Sprachregelungen flugs weiterreichte, kann dabei fast außer Betracht bleiben.

Der Zorn von Gottfried Forck über die hochgemuten Westdeutschen ist, aus vielerlei Gründen, verständlich. Ganz wenige von uns können wirklich ermessen, wie quälend das Leben rechtschaffener Frauen und Männer unter den Bedingungen des Polizeistaates gewesen ist. Auch wenn jemand mehrfach Gelegenheit hatte, von den schweren seelischen Bedrückungen der Landsleute im vertraulichen Zwiegespräch zu erfahren, wußte er die ganze Dimension des Schreckens nicht zu erfassen. Abermals – wir sollten uns „verdammt zurückhalten“, wozu Hans-Jochen Vogel aufgerufen hat.