Von Max Kohnstamm

BRÜSSEL. – Ich bin erstaunt, aber auch empört darüber, wie der Fall de Maizière gehandhabt wird. Weiß denn in der Bundesrepublik niemand mehr, was es bedeutet, in einer Diktatur leben zu müssen?

Niemand, kein einziger Mensch, kann in einem solchen Regime etwas für seine Mitmenschen tun, ohne auf fast unlösbare moralische Fragen eine unvollkommene Antwort geben zu müssen. Niemandem, der nicht unter denselben Umständen Entscheidungen treffen mußte, kommt das Recht zum Verurteilen zu.

Ich glaube, ich habe ein gewisses Recht, das zu sagen. Während der deutschen Besetzung meines Landes, der Niederlande, war ich längere Zeit in Geiselhaft. Mein – damals zukünftiger – Schwiegervater versuchte, meine Entlassung zu erreichen. Zu diesem Zweck mußte er selbstverständlich Kontakt zu den Behörden aufnehmen, die unser Land besetzt hielten.

Zugleich aber zögerte er keine Sekunde, jüdische Kinder in sein Haus aufzunehmen und anderen, die von der Besatzungsmacht verfolgt wurden, Schutz zu gewähren.

Wenn es damals nicht zu meiner Entlassung kam, so lag das nur zum Teil daran, daß ich eine von mir geforderte Erklärung nicht abgeben wollte. Aber ein klares Angebot der Besatzungsbehörde lag auch gar nicht vor. Ich habe keine Ahnung, wie ich gehandelt hätte, wäre das der Fall gewesen.

Sollen wir jetzt all diejenigen verfolgen, die Kontakte zu den alten Regimen in der DDR, in Polen oder sonstwo in Osteuropa hatten? Es gibt heute, dem Himmel sei Dank, keine Mauer mehr. Wer aber konnte wissen, daß diese Mauer sich 1989 öffnen würde? Die Menschen, die in den Diktaturen lebten, mußten sich darauf einstellen, dazu verurteilt zu sein, ihr ganzes Leben unter dieser Herrschaft zu verbringen. Damals in Holland waren wir sicher, Hitler werde den Krieg verlieren. Die Menschen in der alten DDR oder Tschechoslowakei hatten jedoch keinen Grund, an ein nahes Ende der kommunistischen Drangsalierung zu glauben. Sie mußten sich auf deren Dauer einrichten. Und das hieß: Sie mußten immer wieder die schwierigsten moralischen Entscheidungen treffen, oft ohne andere dabei um Rat bitten zu können.