Wenn schon die Horzu angesichts der fünften Pfarrer-Serie im deutschen Fernsehen besorgt fragt: „Wieviel Kirche verträgt der Mensch?“, muß nun wohl die Schwarzrockerei als Plage eingestuft werden. Aber der Mensch will wissen, wie es dazu kam. Ist’s die Sehnsucht nach der Transzendenz auch im Fernsehprogramm? Ersatz für den Kirchgang, den nachweislich immer mehr Christen bleibenlassen? Das Bedürfnis der Massen nach Autorität?

Wohl eher das Gegenteil. In der Pfarrer-Serie ist der Hirte ja nicht nur auf der Kanzel und an der Kirchentür zu sehen, sondern in der Küche, an der Bar und im Bett. Zugucken dürfen, wie da ein Würdenträger, der öffentlich in einer wallenden Verkleidung herumläuft, ohne daß jemand lacht, zu einem ganz normalen armen Schwein mutiert, mit Ehe- und Geldsorgen, das macht halt Spaß.

Und wenn’s nun roch eine Würdenträgern ist! Die Pfarrerin Katharina Lenau (Irene darin) in der Stuttgarter Melanchthon-Gemeinde hat keinen leichten Job. Ältere Christen glauben nun mal, daß nur ein Mann die nötigen Zentner Würde auf seinen Schultern unterbringt, und bleiben sonntags daheim. Jüngere stehn sowieso nicht mehr auf Jesus. Ganze 48 Schäflein treibt es noch zum Gottesdienst. Der Pfarrerin Anverwandte müssen eigens trommeln, damit das arme Mädchen nicht nur zu den Kirchenmäusen predigt. Aber wie sie das rausbekommt, die Katharina, wird sie ordentlich fuchtig. Sie ist schüchtern, zart und mit Rehkitz-Augen versehen, aus denen das nackte Unglück hervorschaut. Eine mitreißende Predigerin soll sie auch nicht sein. Jedoch ist sie charakterlich der „Und-wenn-die-Welt-voll-Teufel-wär“-Typ, dem auf verlornem Posten Flügel wachsen. Zwar ist vorerst davon noch nicht viel zu merken, aber die Serie hat ja auch grad erst angefangen.

Immerhin durfte die junge Seelsorgerin schon beweisen, daß sie vor dem Dekan nicht kuscht. Ist sie doch just an jenem Sonntag, an dem Eminenz nach dem Rechten sehen kam, in einem weißen Talar erschienen – nach ihrer Anweisung gefertigt aus einem Baumwoll-Seiden-Gemisch: auf daß die Frohe Botschaft nicht mehr in diesem tristen Schwarz verkündigt werde. An sich keine schlechte Idee, aber der Dekan, der Küster und die traditionsbewußten Kirchgänger haben natürlich kein Verständnis dafür. Fürwahr ein Kreuz, das die Lenau da zu tragen hat – und offenbar ein Vergnügen für die abtrünnigen Schäfchen, die jetzt statt vor dem Altar vor der Glotze sitzen.

Ja, das muß es sein, was Pfarrer-Serien so beliebt macht: eine tiefe Genugtuung, daß diese Wichtigtuer auf der Kanzel, die immer zu wissen vorgeben, was richtig ist, nun selber mal Rüffel einstecken müssen und arm dran sind. Bei Pfarrerin Lenau kam das Publikum diesbezüglich besonders auf seine Kosten. Diese Hirtin wurde konsequent auf das Fahrrad fahrende, Kaffee kochende, zärtlichkeitsbedürftige junge Mädchen zurückgeführt, das sie unter dem Talar angeblich ist.

Ob dieses „Coming-out“ der Kirche nützt, wie einige Optimisten unter den Protestanten hoffen, scheint mehr als zweifelhaft. Da haben wohl die skeptischen Katholiken den besseren Riecher. Wer in wallender Verkleidung rumläuft, ohne daß jemand lacht, ist eben kein Mensch wie du und ich.

Barbara Sichtermann