I.

Das Jahr 1990 begann unter hellen, hohen Horizonten; es endet unter einem jäh wieder verfinsterten Himmel. Die Freiheit, die sich die Völker Osteuropas mutig ertrotzt haben – sie wirkt allenthalben grauer als vordem der Traum von ihr; selbst in der ehemaligen DDR. Die Reform der wirtschaftlichen und politischen Strukturen, der Michail Gorbatschow die 290 Millionen Sowjetbürger entgegenführen wollte – sie ist im Sumpf der Zagheiten steckengeblieben, bedroht von einem heillosen Versorgungschaos und der galoppierenden Auszehrung aller Autorität. Der Frieden aber, in dem sich die Menschen auf der nördlichen Halbkugel nach 75 Jahren fast ununterbrochenen Bürgerkriegs eben erleichtert einzurichten begannen – er entschwindet mit einem Male wieder in den Nebeln neuer Gefahr.

Es geht nicht nur um jenen Hobbesschen Zustand, in dem der Mensch feste Erwartungen hegen darf: wo er hoffen kann, anstatt fürchten zu müssen. Es geht darum, daß abermals Krieg droht und Gewalt – im Mittleren Osten wie in der Sowjetunion. „Wir sollten bereit sein, Blut zu vergießen, wenn wir darüber sprechen wollen, Ordnung in unserem Lande wiederherzustellen“, drohte der KGB-Chef Krjutschkow. Und martialisch klang auch die Weihnachtsbotschaft aus dem Weißen Haus, wo über die Feiertage die Ultimatums-Uhr tickend weiterlief: Krieg gegen den Irak bald nach Ablauf der Frist am 15. Januar. Unaufhaltsam, so scheint es, verdichtet sich in den Weiten Rußlands wie in der Wüste Arabiens die Krise zur Katastrophe.

II.

Die erste weltpolitische Verwerfungslinie verläuft entlang der Oder-Neiße-Grenze. Unruhe wächst zwar auch zwischen Elbe und Oder, doch wird sie dort gedämpft durch die Verschmelzung der DDR mit der Bundesrepublik. Die eigentliche Gefahrenzone liegt jenseits dieser Linie.

Vier Jahrzehnte lang haben sich die unterdrückten Völker Osteuropas nach einer „Friedensordnung“ gesehnt, die der Teilung des Kontinents, der sowjetischen Vormundschaft, der kommunistischen Diktatur ein Ende bereiten würde. In den Revolutionsjahren 1989/90 haben sie dann in einem ruckartigen Akt der Selbstbefreiung alles abgeschüttelt, was sie so lange bedrückt hat. Die ersehnte Friedensordnung ist da, die alte Kriegsgefahr abgewendet. Doch stabil ist die neue Ordnung keineswegs, und auch für ihre Friedlichkeit gibt es keine verläßliche Garantie.

Das liegt zum einen an den unausweichlichen Schwierigkeiten des Ubergangs. Die Diktatur ist überwunden, aber damit ist noch nicht die Demokratie errichtet. Die Kommandowirtschaft wird abgebaut, doch entsteht damit nicht automatisch eine freie Marktwirtschaft. Das alte System funktioniert nicht mehr, das neue noch nicht. Viele erfahren die Freiheit zunächst einmal als Quell persönlicher Unbill und gesellschaftlicher Unordnung. Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ mag am Ende ja zum gewünschten Ergebnis führen – fürs erste verspüren die Osteuropäer das Zerstörerische stärker als das Schöpferische.