Regensburg

So, wie er gelebt hatte, wurde Johannes Fürst von Thurn und Taxis, Fürst zu Bauchau und Fürst von Krotoszyn, Herzog zu Wörth und Donaustauf, Erbgeneralpostmeister und Ehrenritter des Souveränen Malteserordens, Träger des Ordens der Rautenkrone und des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland zu Grabe getragen: weitgehend unter Ausschluß des Volkes. Die Welt des Fürsten lag innerhalb des 500 Räume zählenden Schlosses St. Emmeram in Regensburg, auf seiner Jacht „Aiglon“ und auf dem Rücken eines Pferdes, wenn er in Brasilien seine Ländereien besuchte. Wohl fühlte er sich auf seinem Sommersitz, Schloß Garatshausen am Starnberger See, bei ausladenden Partys und im Plausch mit den Größen aus Politik und Wirtschaft.

Ein Fürst für Regensburg war Johannes Baptista de Jesus Maria Louis Miguel Friedrich Bonifazius Lamoral, Fürst von Thurn und Taxis, jedoch nie so recht. Wenn sein Name in der Stadt in Erscheinung trat, dann durch sein Bier oder im Zusammenhang mit Grundstücksverkäufen, bei denen er sich schadlos hielt’ an Kommune und Staat. Daß das Fürstenhaus auch zahlreiche Stiftungen und eine Armenküche unterhält, einen Kulturpreis vergibt und gelegentlich spendet, wurde nie an die große Glocke gehängt. Seine Durchlaucht wolle nicht prahlen mit den fürstlichen Wohltaten, hieß es im Marschallamt. Die vielen Festivitäten im Regensburger Schloß und selbst die Veranstaltungen zum 500jährigen Bestehen der Post – die vom Fürstenhaus ja begründet worden war –, all das ließ die Regensburger so weitgehend kalt wie die hingebungsvollen Berichte in den bunten Klatschblättern, die sich oft gar nicht mehr einkriegen konnten vor Bewunderung für die extravagante Fürstin Gloria. Wir haben einen Fürsten, sagten die Regensburger, na und?

So gesehen war es dann aber doch wieder überraschend, daß an die 20 000 Menschen in der Woche nach dem Tod des Fürsten in die Gruftkapelle des Schlosses gekommen waren, um den im offenen Sarg aufgebahrten Adligen zu sehen. Allerdings liegt der Verdacht nahe, daß es mehr die schaulustige Neugierde war, welche das gemeine Volk dazu gebracht hatte, vom toten Fürsten Abschied zu nehmen.

Als nun mit einem Pontifikalrequiem in der Basilika’ nahe des Schlosses der letzte Akt der Trauerfeierlichkeiten begann, konnte das Volk gerade 250 Platzkarten ergattern. Und die sicherten auch nur einen Sitz weitab des Geschehens im Hauptschiff der großzügigen Kirche. Der Blick auf die Feierlichkeit war verstellt durch wuchtige Torbögen und schwere schmiedeeiserne Gitter. Von den 400 Prominenten, Adligen, Wirtschaftskapitänen und Politikern waren allenfalls die Rücken zu sehen. So also war das Requiem für das Volk – besonders für das, welches draußen an Lautsprechern die Feierlichkeit verfolgte – allenfalls ein Hörspiel.

Immerhin hörte man den Regensburger Bischof Manfred Müller sagen, er wünsche dem „lieben, kleinen Fürsten Albert“ – der mit sieben Jahren Alleinerbe des fürstlichen Milliardenvermögens ist – ein „sehendes und hörendes Herz“; die verschleierte Fürstin bat: „Großer Gott, erbarme Dich der Seele meines geliebten Johannes“, die zehnjährige Prinzessin Maria-Theresia flehte: „Bitte mach, daß der Papa schnell in den Himmel kommt“, ihre acht Jahre alte Schwester Elisabeth rief den heiligen Johannes an: „Bitte ohne Unterlaß für ihn bei Gott“, und der neue Fürst, der kleine Albert, sagte: „Schütze mich im Kampfe, damit ich den bösen Feind überwinde.“

Währenddessen lag der einbalsamierte Leichnam des Fürsten längst in einem verlöteten Sarg in der benachbarten Gruftkapelle, wo er nach dem Requiem „im engsten Familienkreis“, wie es hieß, zehn Meter in die Tiefe abgelassen wurde. Ein paar hartnäckige Schaulustige warteten zu diesem Zeitpunkt noch immer vor dem Schloß darauf, vielleicht doch noch irgendeinen der prominenten Gäste leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Doch Enttäuschung über Enttäuschung: Die schweren, dunkelverglasten Limousinen glitten mit ihren unerkannt bleibenden Insassen am Volk vorbei. Rolf Thym