Historische Wertpapiere zu sammeln ist ein teures Hobby geworden. Liebhaber in Amerika, Großbritannien, Frankreich und vor allem in Deutschland zahlen zum Teil horrende Preise für alte Aktien und Obligationen, für die es weder Zinsen noch ein Stimmrecht auf der Hauptversammlung gibt, und die man daher höchstens einrahmen und an die Wand hängen kann. Besonders kostspielig sind Papiere, die schön aussehen oder von Institutionen mit klangvollem Namen ausgegeben wurden, der Kaiserlich Chinesischen Tientsin-Pukow Staatseisenbahn etwa, der Sibirischen Handelsbank oder den im Bürgerkrieg unterlegenen Konföderierten Staaten von Amerika.

Ein Papier gibt es, das führte auf diesem Markt bisher ein ziemliches Aschenputteldasein: der "Bezugsschein" von 1953 zur "Internationalen Anleihe des Deutschen Reiches 1930" auf "Fundierungsschuldverschreibungen". Der Bezugsschein sieht genauso langweilig aus, wie sein Name vermuten läßt; der Emittent, die Bundesschuldenverwaltung in Bad Homburg, verheißt im übrigen auch nicht gerade Glamour. Und doch konnte man just mit dem unscheinbaren Papier in diesem Jahr ein Vermögen machen. Ende 1988 noch kostete ein solcher Bezugsschein im Nominalwert von tausend Dollar ganze fünfundzwanzig Mark. Heute dagegen müßte man dafür mehr als fünfhundert Mark auslegen. Die Erklärung liefert ein einziger Satz. Kleingedruckt heißt es auf dem Wertpapier: "Die Fundierungsschuldverschreibungen werden im Falle der Wiedervereinigung Deutschlands gegen Übergabe dieses Bezugsscheines ausgegeben." Seit dem 3. Oktober 1990 ist diese Klausel ein paar hundert Mark wert; und da sie auf ziemlich vielen Bezugsscheinen steht, dürfte sie die deutschen Steuerzahler mehrere hundert Millionen Mark kosten.

Die wundersame Geschichte dieser Papiere beginnt im August 1924. Damals legte ein Expertenausschuß unter Leitung des amerikanischen Bankiers Charles G. Dawes einen Plan vor, der es dem ausgebluteten Deutschland erlauben sollte, seine Wirtschaft zu sanieren und gleichzeitig Reparationen an die Siegermächte zu bezahlen. Im Kern ging es darum, diese Reparationen auf ein vernünftiges Maß zu begrenzen und gleichzeitig ausländisches Kapital ins Land zu holen. Das entscheidende Instrument war eine internationale Anleihe mit fünfzig Jahren Laufzeit und sieben Prozent Verzinsung. Von der politischen Rechten wütend bekämpft, bescherte der "Dawes-Plan" den Deutschen tatsächlich einen bemerkenswerten Wirtschaftsaufschwung und leitete die fünf guten Jahre der Weimarer Republik ein.

Im Jahre 1930 dann, mitten in der Weltwirtschaftskrise, wurde er von dem wesentlich milderen "Young-Plan" abgelöst, entwickelt vom Präsidenten der amerikanischen General Electric Company, Owen D. Young. Kernstück war wiederum eine internationale Anleihe, diesmal mit 5,5 Prozent verzinst. Der Young-Plan jedoch konnte Weimar auch nicht retten; 1933 kam Hitler, und der dachte bekanntlich nicht daran, die Schulden des Deutschen Reiches zu begleichen. Damit aber sah sich nach dem Zweiten Weltkrieg die junge Bundesrepublik konfrontiert. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 erklärte sich die Bundesregierung bereit, prinzipiell für die Altschulden des Reiches einzustehen. Zum Ausgleich machten die Alliierten erhebliche Zugeständnisse bei Schuldhöhe und Zinsen und öffneten den (West-) Deutschen den Weg zu internationaler Respektabilität.

Konkret verpflichtete sich Bonn, die zwischen 1933 und 1944 aufgelaufenen Zinsrückstände auf die Dawes- und Young-Anleihen zu begleichen und diese von 1953 an normal zu bedienen. Die zwischen 1944 und 1952 aufgelaufenen Rückstände dagegen wurden gestundet, mit der offiziellen Begründung, daß die Bundesrepublik ja nur einen Teil des früheren Reichsterritoriums umfasse und daher nicht alles begleichen müsse. Im Falle der Wiedervereinigung Deutschlands allerdings sollten die Zinsrückstände in Form einer Anleihe kapitalisiert und dann zurückgezahlt werden. Die Gläubiger erhielten für diese "Fundierungsanleihe" einen Bezugsschein – den genannten.

Wer realistisch dachte, hielt diesen Schein spätestens in den sechziger Jahren für eine nur mühsam verbrämte Form des Schuldenerlasses zugunsten Deutschlands und schrieb das Geld ab – ein erklecklicher Anteil der Papiere verschwand aus den Wertpapierdepots und tauchte in Antiquariaten und auf Flohmärkten auf. Wilhelm Kuhlmann, Branchenspezialist und Herausgeber des Fachblattes Der Wertpapiersammler, erinnert sich, daß ihm 1974 etwa 2500 solcher Bezugsscheine zum Preis von je sechs Mark angeboten wurden. Das Geschäft kam nicht zustande, er wollte nämlich nur vier Mark bezahlen.

Daß dies eine fatale Fehleinschätzung war, konnte ihm freilich erst 25 Jahre später klar werden. Neun Tage nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, am 12. Oktober 1990, brachte der Bundesanzeiger eine Bekanntmachung der Bundesschuldenverwaltung über "Zinsrückstände aus Auslandsschulden des Deutschen Reiches nach dem Londoner Schuldenabkommen". Danach sieht Bonn "mit dem Wirksamwerden der Einheit Deutschlands" die Voraussetzungen für die Einlösung der Bezugsscheine als erfüllt an. Wer also zum Beispiel den Bezugsschein aus einer alten Young-Anleihe über tausend Dollar besitzt, bekommt jetzt eine Fundierungsschuldverschreibung über 360 Dollar mit einer Verzinsung von drei Prozent und einer Laufzeit von zwanzig Jahren. Den Umtausch regeln die Bundesbank sowie "Zahlungsagenten" in Belgien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Neben der Dawes- und der Young-Anleihe bedient die Bundesregierung auch noch die sogenannte "Zündholzanleihe" des Deutschen Reiches von 1930 sowie zwei Auslandsanleihen Preußens. Insgesamt rechnet man mit Außenständen von 250 Millionen Mark; niemand weiß allerdings, wie viele der Bezugsscheine in den vergangenen 37 Jahren auf dem Altpapier gelandet sind.