Von Vera Graaf

Kmand lacht? Kaum, meint Michael Roemer, und die Spur eines schmerzlichen Lächelns sitzt ihm – nach zwanzig Jahren – noch immer um die Mundwinkel.

Inzwischen hätte Roemer allen Grund, ein breites Lächeln der Zufriedenheit aufzusetzen. Denn dem 62jährigen gebürtigen Berliner ist passiert, was nur wenige Künstler erleben dürfen: Er ist rehabilitiert. Sein 1968 gedrehter Film „The Plot against Harry“ („Komplott gegen Harry“), über den damals keiner lachen wollte, riß in diesem Jahr das Publikum in Cannes, New York und Toronto von den Filmfestspiel-Stühlen. Wer zuletzt lacht, schrieb die New York Times über Michael Roemer, lacht am besten.

Nur: Michael Roemer lacht gar nicht. Diese Art selbstzufriedener Besserwisserei ist überhaupt nicht seine Sache. Etwas perplex über den stürmischen Überraschungserfolg von „Harry“ und bestenfalls amüsiert über die Ironie des Schicksals, sitzt Roemer in der Halle des New Yorker „Mayfair Regent“ und trinkt Orangensaft. Der Mißerfolg von „Harry“ scheint diesem schmalen Mann mit der leisen Stimme und der überlegten, zögernden Sprechweise fast näher zu stehen als der Überraschungs-Hit, den er da produziert hat. An den Mißerfolg hatte er sich gewöhnt, der Erfolg ist ihm noch etwas unheimlich. „Wir vergeuden so viel Energie mit dem Reden darüber“, sagt er, und sein Englisch verrät noch heute die harten Konsonanten seiner Berliner Kindheit. „Schaden kann es ja nicht..., aber merkwürdig ist es schon ...“

Roemers Berliner Jahre sind inzwischen Geschichte. 1939 mußte er als Jude zunächst nach England fliehen, wo er ein Internat für Flüchtlingskinder besuchte. 1945 folgte er seiner Familie in die Vereinigten Staaten, studierte an der Harvard Universität und begann 1949 seine Karriere als Filmemacher. Zu den erfolgreichsten seiner Filme gehörte der 1963 gedrehte Spielfilm „Nothing but a Man“, das Portrait eines jungen schwarzen Ehepaars in den Südstaaten. „The Plot against Harry“ war für Roemer eine völlige Kehrtwendung. „Ich wollte mal etwas Leichtes machen“, sagt er und läßt ein kleines Lächeln aufblitzen, „damals glaubte ich noch, ich könnte die Leute zum Lachen bringen.“

„Harry“ ist ein atemlos schneller, episodisch konstruierter Schwarzweißfilm über einen kleinen jüdischen Ganoven. Dieser Harry Plotnick ist ein small time New York crook, ein Gangster im Taschenformat, dessen Idee vom High-life darin besteht, im Fond eines Cadillac seine schmierigen kleinen Geschäfte abzuwickeln und nachts mit platinblonden Callgirls in schäbigen Hotels herumzuhängen. Die Macht der Umstände drängt Harry jedoch in ein bürgerlich-ehrbares Leben – eine fatale Entwicklung, der Harry, ergebener Spielball der Elemente, keinerlei Widerstand entgegensetzt.

Kaum war „Harry“ 1969 abgedreht, beeilte sich Roemer, den Film seinen Schauspielern vorzuführen. Die Reaktion war vernichtend: Niemand verstand den Film, und, noch schlimmer: im Zuschauerraum herrschte eisiges Schweigen – keiner lachte. Roemer war verzweifelt: Der Film, der zweieinhalb Jahre Arbeit und 700 000 Dollar verschlungen hatte – eine Niete. „Mir war sofort klar: Wenn niemand lacht, stimmt etwas mit dem Film nicht“, sagt Roemer heute, „die Leute irren sich nicht.“ Zutiefst enttäuscht packte er seine Komödie ein und widmete sich anderen Filmprojekten, darunter einer Reihe recht erfolgreicher Fernsehfilme, und seiner Professur an der Yale-Universität. „Ich habe danach lange keine Komödie mehr angefaßt.“

Der Mißerfolg mit „Harry“ war für Roemer mehr als nur ein gescheitertes Projekt. Einen Ausflug in die Welt der jüdischen Emigranten hatte er machen wollen – eine Welt, die ihm gleichermaßen vertraut und fremd war. Dabei galt es eine tiefe Kluft zu überbrücken: die zwischen assimilierten deutschen Juden wie ihm selbst und der farbig-fremden Welt der Ost-Juden, die unter den amerikanischen Einwanderern das größte Kontingent stellen. „Wir deutschen Juden hatten ein schweres Identitätsproblem“, berichtet Roemer, „die Hälfte meiner Familie war total assimiliert – wir fühlten uns als Deutsche, nicht als Juden. Mein Großvater hat Fritz Reuter herausgegeben und auch seine Biographie geschrieben. Eine meiner Tanten hieß Auguste von Zitzewitz. Mit den Ost-Juden aus Polen hatten wir wenig gemeinsam – sie schienen einer anderen Klasse anzugehören.“ Er zögert: „Das sollte ich Ihnen gar nicht erzählen, doch so war es.“

Amerika hat ihn also zur Auseinandersetzung mit seinem Judentum gezwungen? „Nicht ganz – dafür dürfen Sie in erster Linie Hitler danken“, stellt Roemer richtig. „Nur weil ich Jude werden mußte, habe ich diese Auseinandersetzung gesucht. Deshalb war es für mich sehr wichtig, hier in Amerika eine Art Identität mit der jüdischen Gemeinschaft zu finden.“

Um diese ihm so fremde Welt für den Film – und letztlich für sich selbst – in den Griff zu bekommen, stürzte sich Roemer in detaillierte Milieustudien. Er war als Aushilfe bei einer jüdischen Catering-Firma tätig, folgte einem jüdischen Rechtsanwalt durch die Gerichte New Yorks und machte auch vor der New Yorker Unterwelt mit Ganoven und Callgirls nicht halt. Harry, so schwor er sich, sollte authentisch und lebensnah werden. „Ich dachte an Brecht“, sagt er, „der gesagt hat: alle guten Gedichte haben den Wert von Dokumenten.“

Das ist die deutsche Seite von Michael Roemer. Wie er – sonst amerikanisch-lässig und schnell mit Witzen über sich selbst bei der Hand – plötzlich Brecht herbeiholt: nicht, um ihn demonstrativ zu zitieren, sondern um zu zeigen, wie lebendig des Dichters Gedanken noch für ihn sind. Deutsch sind auch die leicht berlinerische Intonation seiner Sätze und das Gelächter, wenn er an Ausdrücke seiner Kindheit wie „schnurzpiepegal“ oder „Du kriegst die Motten“ denkt.

Daß „Harry“ endlich Wiederauferstehung feierte, ist einem Filmtechniker zu verdanken, der damit beauftragt worden war, den Film für Roemers Kinder auf ein Video zu übertragen. „Beim Transfer fing der Mann plötzlich laut an zu lachen“, berichtet Roemer. „Natürlich freute mich das sehr, und ich dachte: ‚Vielleicht ist er doch komisch!‘“ In der vagen Hoffnung, daß sich inzwischen das Blatt gewendet haben könnte, verbesserte Roemer die Tonspur und reichte den Film in New York und Toronto bei den Festspielen ein.

Daß „Harry“ dort so begeistert empfangen wurde, war für Roemer selbst die größte Überraschung. Auf einmal bescheinigte man ihm Vorahnung und Vision, priesen ihn Zeitungen wie die Washington Post als einen Vorläufer von Woody Allen und Paul Mazursky. Sein „beißender Witz“ wurde mit Philip Roth, seine „Einfühlsamkeit“ mit Isaac Bashevis Singer verglichen.

Michael Roemer ist einer, an dem solche Lobeshymnen einfach vorbeirauschen. Er glaubt sie nicht, und sie passen auch nicht in sein Konzept: „Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, daß ich es im Leben nicht leicht haben würde“, sagt er, „Ich habe mich früh innerlich darauf vorbereitet, daß ich nie im konventionellen Sinn erfolgreich sein würde.“ Er schmiert sich noch einen blueberry muffin mit Butter und fegt dabei auch gleich noch die Idee vom „Visionär“ vom Tisch. Harry, so sieht er es, war kein Held für die sechziger Jahre, weil er – Roemer – den Optimismus und die Weltverbesserei dieser Epoche nicht teilen konnte. „Mein Leben lang habe ich gespürt, daß ich nicht im Einklang mit meiner Zeit lebe.“

Die Gestalt des Juden, dem immer alles zustößt und der die Arme mit dem Schrei: Warum immer ich? gen Himmel wirft, gehört seit langem zum Repertoire jüdischer Satire. Eine „Diaspora-Haltung“ nennt Roemer das – und er kennt sie nur zu gut. Sollte es eine Seelenverwandtschaft zwischen Michael Roemer, Harvard-Absolvent und Yale-Professor, und dem Ganoven Harry Plotnick geben? Aber ja, meint Roemer: „Harrys Passivität und sein tiefer Fatalismus entstammen meiner eigenen Erfahrung. Als ich elf Jahre alt war, drückte man mir einen Koffer in die Hand und setzte mich in einen Zug. Von da an war mein Leben ständig von Kräften bestimmt, die ich nicht beeinflussen konnte. Dieses Gefühl habe ich heute noch. Wenn jetzt ein Taxi hier in die Hotelhalle rasen würde, wäre ich kaum überrascht und würde wahrscheinlich sagen: ‚Ist es nicht erstaunlich, daß das nicht schon gestern passiert ist!‘“

Von einem Mann mit dieser Sicht wünscht man sich mehr Filmkomödien. Es besteht neuerdings, so berichtet Roemer, eine Option auf eine davon. „Famous Long Agg“ heißt sie. Wir dürfen uns darauf freuen.