Alexander Schalck-Golodkowski ist ein freundlicher und zuvorkommender Mensch: Der Bitte seiner Besucher, man möge doch ein wenig Licht anschalten, kommt er prompt nach. Nur noch eine Kleinigkeit will er zuvor erledigen, nämlich die Rolläden an den Fenstern seines Wohnzimmers herunterlassen. Denn immer wieder versuchen Photoreporter, sein Heim auszuspähen. In Rottach-Egern, dem selbstgewählten „Exil“, bangt er zwar nicht mehr um sein Leben, wie in jenen November- und Dezembertagen 1989, als die Staatsanwaltschaft der DDR und die Stasi ihn jagten. Doch lästig und bedrohlich findet Schalck die „Observierung“ seines Hauses durch Sensationsjournalisten schon.

Seit er in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1989 aus Angst vor Strafverfolgung und Lynchjustiz nach West-Berlin geflohen ist, kommt er kaum mehr zur Ruhe. Rund einen Monat lang saß er in Untersuchungshaft in Moabit. Im Februar führten DDR-Staatsanwälte die Presse durch Schalcks Privathaus in Berlin-Hohenschönhausen und präsentierten dessen stattliches Vermögen.

Anfang Juli wollte er – mit Zustimmung der DDR-Justiz – einen Teil seiner Habe aus seinem Wochenendhaus in der Schorfheide abholen lassen, was aufgebrachte DDR-Bürger in einer Aktion der Selbstjustiz verhinderten. Nach der Vereinigung Deutschlands stellte die Berliner Polizei fest, daß zumindest in Schalcks Haus in Hohenschönhausen eingebrochen worden war.

In der Öffentlichkeit wurde Schalck beschuldigt, sich illegal bereichert, Waffen verschoben, ja sogar mit Drogen gehandelt zu haben. Sobald es jedoch konkret wurde, schrumpften die Vorwürfe, wenigstens war dies bisher so. Der Grund für den Haftbefehl aber, mit dem die DDR-Justiz im Dezember 1989 seine Zulieferung von West-Berlin erreichen wollte, war im Vergleich zu den öffentlichen Anschuldigungen eher dünn: Schalck sollte 206 000 DDR-Mark für seine Datscha auf Geschäftskonten abgerechnet und außerdem die Tochter des früheren DDR-Wirtschaftslenkers Günter Mittag beim Bau ihres Hauses begünstigt haben. Dies nannte sich damals „Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums“. Inzwischen ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der persönlichen Bereicherung Schalcks und prüft, ob die Privilegierung der SED-Creme über KoKo rechtswidrig war.

Schalck ist sich keiner strafrechtlichen Schuld bewußt. Sein Vertrauen in den bundesdeutschen Rechtsstaat ist groß. Dennoch bleibt ein Rest von Unsicherheit, ob alles ein gutes Ende nehmen wird. Er fürchtet den Druck, den die öffentliche Vorverurteilung auf die Justiz ausübt.

Deshalb hat Schalck nun sein Schweigen gebrochen. In einem Interview mit der ZEIT versucht er, sein Image zurechtzurücken. Denn was für den KoKo-Chef nützlich war, schadet dem prominentesten Übersiedler im Anklagestand: Geheimniskrämerei. Welcher Charakter sich hinter dem wuchtigen Gesicht des „großen Alex“ verbirgt, welche Antriebsfedern sein Handeln bestimmten und seine Karriere im Arbeiter-und-Mauern-Staat ermöglichten, welche Rolle er im innerdeutschen Geschäft während der Zeit der Teilung spielte – vieles davon ist noch weithin unbekannt.

So ging es auch Günter Gaus, als der sich auf die erste Begegnung vorbereitete. „Schalck, Dr. Alexander, Staatssekretär im Ministerium für Außenhandel, geboren am 3. Juli 1932“ – sehr viel mehr habe die biographische Information des Bundesnachrichtendienstes nicht hergegeben, erinnert sich der zwischen 1974 und 1981 erste Ständige Vertreter Bonns in Ost-Berlin. Daß Schalck tatsächlich einen Doppelnamen trägt, den er freilich selbst nicht gebraucht, wurde eher beiläufig entdeckt, ohne daß jener Teil seiner Biographie, der sich dahinter verbirgt, erkannt worden wäre.