Nicole van den Pias entstellt die Zeit. Sie ist eine Malerin tiefer Räume und entfernter Gestalten. Sie spricht von der Geschichte der Malerei, ohne die Gegenwart zu verlassen. Mensch, Attribut, Sonne, Mond, Architektur tauchen aus durchlässigen Farbhintergründen auf. Schatten ist Mangel an Licht, hat Leonardo da Vinci gesagt. In dieser aufgebrochenen und überraschenden Finsternis bewegt sich ihr Werk.

Als Belgierin ist sie in der Nähe Jan van Eycks aufgewachsen, in der Faszination des Schreckens und der Transparenz, die sich in James Ensor fortsetzt, bis hin zu ihr. Die Farben der Malerin Nicole van den Pias, die es vor zwanzig Jahren an die Frankfurter Städelschule, zu den Lehrern Raimer Jochims und Karl Bohrmann, getrieben und in der Stadt gehalten hat, sind mit der Kraft des Meeres gemischt. Sie durchlaufen die Stadien des Vor- und Zurückschwappens des Wassers, offenbaren seine Strudel und seine unberechenbare Gelassenheit.

Die Anerkennung ihrer Arbeit ist in kleinen Kreisen vor sich gegangen. Aus den Schatten in Nicole van den Pias’ Bildmetaphern tritt die Vergangenheit hervor, Zitate aus der Zeit der Renaissance, des Manierismus, des Barock. Die Künstlerin stellt den Sieneser Hintergrund, den Renaissancedichter vor gotischem Turm, den Jüngling in roter Weste, den Strand, das Meer, den Mann mit den Diamanten in den Kreislauf kunsthistorischer Kontinuität.

Die Ausstellung im Frankfurter Portikus ist eine Zugabe an den Reinhold Kurth-Kunstpreis, den die Frankfurter Sparkasse vergibt, die sich zugute halten kann, als einzige Institution Künstler der Stadt seit Jahren gefördert zu haben. Nicole van den Pias zeigt fünf im vergangenen Jahr entstandene Acrylmalereien auf Papier und Zeichnungen. Gewidmet ist die Ausstellung der l’heure bleu, der blauen Stunde, die der belgische Forscher Jean-Henri Fabre als Zeit des Stillstands zwischen dem Rückzug der Nachttiere und vor dem Erwachen der Tagtiere entdeckt hat. Es ist die Stunde für das Unwirkliche, für Engel, Dichter und Märchen und für die Welt, die es nicht mehr gibt.

Aus dem Schattenreich, aus dem heraus sich Schwarz, Grau und Weiß mit breitem Pinsel zu geweiteten Hintergründen auflösen, entsteigen die Figuren, Konturen schwerer erdverbundener Körper. Das Materielle, die leibliche Gegenwart entzieht sich durch die Geschichte, die diese vom Heute trennt.

"Der Maler als Auftraggeber" hat Nicole van den Pias das Bildnis einer Frührenaissancemadonna mit Kind und ihren Œuvrekatalog von 1978 bis heute überschrieben. Dieser Verweis auf die korrespondierende Abhängigkeit, auf den Umkehrschluß einer praktizierten Bevormundung, zeigt die List ihres Umgangs mit der "Kunstgesellschaft".

Die zwischen 1988 und 1989 entstandenen Zeichnungen sind der Feststellung zugeeignet, daß das Auge der König und die Hand die Königin ist und beides zusammen den Künstler ausmacht. Die Hand ist in dem Werk den Krallen der Tiere ähnlich, das Auge ein Zeichen. Die Zeichnungen sind das helle Spiel, sind Linie gewordene Poesie.