Von Hanno Kühnert

Ein bisher völlig unauffälliger, durchaus frommer Kaufmann namens B. stürzte in einer finsteren Nacht drei steinerne Kruzifixe an verschiedenen Orten um. Er tat das aus Groll gegen die katholische Kirche, der er vorwarf, seine Ehe zerstört zu haben. Auf die Sockel der Steinkreuze stellte er Plakate mit Bibelsprüchen. Dann zeigte er sich selbst an, um in einem Prozeß Gelegenheit zu bekommen, öffentlich mit der katholischen Kirche abzurechnen. Soweit kam es jedoch nicht. Gleich zu Beginn des Verfahrens beantragte der Staatsanwalt, den Mann auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen zu lassen. Der Pflichtverteidiger stimmte diesem Antrag zu. Der Kaufmann entzog sich aber dieser Untersuchung. Er wurde daraufhin zwangsweise für fünf Wochen in ein Landeskrankenhaus zur Beobachtung eingewiesen.

Dieses etwas kuriose, aber in der Struktur typische Beispiel für den Beginn einer Querulantenkarriere erzählte der Hannoveraner Rechtssoziologe Wolfgang Kaupen im Jahr 1979 den Zuhörern eines Seminars. Kaupens Thema: Sind Querulanten geisteskrank? Kaupen war damals der erste soziologisch und juristisch gebildete Wissenschaftler, der sich des merkwürdigen, vernachlässigten Themas Querulanz wieder annahm. Bis dahin war es eine Domäne der Psychiater gewesen.

Kaupen zitierte aus dem psychiatrischen Gutachten über B. Der Gutachter wollte den Kreuzumstürzer in die psychiatrische Klinik schicken: "Die Schriftsätze B.s mit verunglimpfenden Behauptungen und offenen und versteckten Drohungen sind meines Ermessens tatsächlich geeignet, das Ansehen von ... Personen und Behörden zu beeinträchtigen, zumal nach der allgemeinen Erfahrung derartige Querulanten vielfach Glauben finden. Die gewandte Schreibweise B.s begünstigt diese Tendenz, so daß bei Veröffentlichungen die Unterhöhlung des Vertrauens in die Behörden durchaus anzunehmen ist."

Je geschickter also jemand den Behörden Mißstände nachsagt und seinen Standpunkt vertritt, desto gefährlicher wird er danach und desto dringlicher muß er aus dem Verkehr gezogen werden. Kaupen wies darauf hin, daß sich die Psychiatrie damit in einen gefährlichen Zirkel hineinmanövriere: Je angreifbarer eine Institution sei, desto mehr müsse sie gegen Vorwürfe geschützt werden. Desto härter müßten solche Vorwürfe mit Sanktionen belegt werden.

"Der" Querulant ist immer noch ein Phantom, ein schwer faßbares Fabelwesen. Es gibt keine verbindliche Definition, nach der sich etwa Behörden richten könnten, sondern nur unbehagliche Vorstellungen und Vorurteile: Reaktionen auf Einzelfälle.

Ein Querulant ist, ins Ungefähre beschrieben, ein durchaus viver Mitbürger, wort- und schreibgewaltig, festgelegt allein auf eine eingebrannte Idee: Er wehrt sich auf schreiende, affektierte Weise und mit großer Zähigkeit dagegen, daß ein erlittenes Unrecht auf weiterhin ungerechte Art ignoriert werde. Das Auslöser- und Anfangsunrecht wird später zum immer bitterer empfundenen Unglück. Schließlich sind es tragische, am Ende abwegige Lebensziele, die das Leben des Querulanten völlig beherrschen. Der Kampf mit Justiz und Behörden, die fixe Idee, dennoch eines Tages zu siegen, vergällen ihm das Leben und machen den überlasteten Staatsdienern die Arbeit sauer.