Von Hanno Kühnert

Ein bisher völlig unauffälliger, durchaus frommer Kaufmann namens B. stürzte in einer finsteren Nacht drei steinerne Kruzifixe an verschiedenen Orten um. Er tat das aus Groll gegen die katholische Kirche, der er vorwarf, seine Ehe zerstört zu haben. Auf die Sockel der Steinkreuze stellte er Plakate mit Bibelsprüchen. Dann zeigte er sich selbst an, um in einem Prozeß Gelegenheit zu bekommen, öffentlich mit der katholischen Kirche abzurechnen. Soweit kam es jedoch nicht. Gleich zu Beginn des Verfahrens beantragte der Staatsanwalt, den Mann auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen zu lassen. Der Pflichtverteidiger stimmte diesem Antrag zu. Der Kaufmann entzog sich aber dieser Untersuchung. Er wurde daraufhin zwangsweise für fünf Wochen in ein Landeskrankenhaus zur Beobachtung eingewiesen.

Dieses etwas kuriose, aber in der Struktur typische Beispiel für den Beginn einer Querulantenkarriere erzählte der Hannoveraner Rechtssoziologe Wolfgang Kaupen im Jahr 1979 den Zuhörern eines Seminars. Kaupens Thema: Sind Querulanten geisteskrank? Kaupen war damals der erste soziologisch und juristisch gebildete Wissenschaftler, der sich des merkwürdigen, vernachlässigten Themas Querulanz wieder annahm. Bis dahin war es eine Domäne der Psychiater gewesen.

Kaupen zitierte aus dem psychiatrischen Gutachten über B. Der Gutachter wollte den Kreuzumstürzer in die psychiatrische Klinik schicken: "Die Schriftsätze B.s mit verunglimpfenden Behauptungen und offenen und versteckten Drohungen sind meines Ermessens tatsächlich geeignet, das Ansehen von ... Personen und Behörden zu beeinträchtigen, zumal nach der allgemeinen Erfahrung derartige Querulanten vielfach Glauben finden. Die gewandte Schreibweise B.s begünstigt diese Tendenz, so daß bei Veröffentlichungen die Unterhöhlung des Vertrauens in die Behörden durchaus anzunehmen ist."

Je geschickter also jemand den Behörden Mißstände nachsagt und seinen Standpunkt vertritt, desto gefährlicher wird er danach und desto dringlicher muß er aus dem Verkehr gezogen werden. Kaupen wies darauf hin, daß sich die Psychiatrie damit in einen gefährlichen Zirkel hineinmanövriere: Je angreifbarer eine Institution sei, desto mehr müsse sie gegen Vorwürfe geschützt werden. Desto härter müßten solche Vorwürfe mit Sanktionen belegt werden.

"Der" Querulant ist immer noch ein Phantom, ein schwer faßbares Fabelwesen. Es gibt keine verbindliche Definition, nach der sich etwa Behörden richten könnten, sondern nur unbehagliche Vorstellungen und Vorurteile: Reaktionen auf Einzelfälle.

Ein Querulant ist, ins Ungefähre beschrieben, ein durchaus viver Mitbürger, wort- und schreibgewaltig, festgelegt allein auf eine eingebrannte Idee: Er wehrt sich auf schreiende, affektierte Weise und mit großer Zähigkeit dagegen, daß ein erlittenes Unrecht auf weiterhin ungerechte Art ignoriert werde. Das Auslöser- und Anfangsunrecht wird später zum immer bitterer empfundenen Unglück. Schließlich sind es tragische, am Ende abwegige Lebensziele, die das Leben des Querulanten völlig beherrschen. Der Kampf mit Justiz und Behörden, die fixe Idee, dennoch eines Tages zu siegen, vergällen ihm das Leben und machen den überlasteten Staatsdienern die Arbeit sauer.

Das weitere Schicksal B.s: Nach seiner Entlassung aus dem Landeskrankenhaus querulierte dieser vorzugsweise dagegen, daß ihn der Psychiater für zurechnungsunfähig erklärt hatte. Er kämpfte gegen seine Einstufung als paranoid, als geschäfts- oder prozeßunfähig. Vier Gutachter mußten sich um B. kümmern. Der zweite sah ihn nie, stufte ihn aber dennoch als krank ein. Erst als B. ein Eisenrohr, in dem sich die Kopie eines Zeitungsartikels über die Nazi-Vergangenheit deutscher Richter befand, durch ein Fenster in den Sitzungssaal des Gerichts werfen ließ, bekam er endlich den ersehnten Strafprozeß wegen Beleidigung und Sachbeschädigung. Er wurde zu sechs Wochen Freiheitsstrafe verurteilt. Das war für ihn ein Teilsieg – denn jetzt war er wieder zurechnungsfähig.

Vom Standpunkt eines gerechten und leidlich humorvollen Betrachters ist der Fensterwurf des Eisenrohrs mit dem skandalösen Inhalt nicht so ganz unvernünftig. Das dachte wohl auch der vierte psychiatrische Gutachter, der sich die Mühe machte, die Ausführungen seiner Kollegen kritisch zu würdigen.

Erst dieser vierte Gutachter wertete die Beschwerden B.s nicht als hochtrabendes und unsinniges Geschwätz: "Es besteht kein Zweifel, wie sowohl die Unterlagen der vierbändigen Gerichtsakten als auch die eingehenden Gespräche mit B. zeigten, daß es sich bei ihm um einen aus dem Rahmen der Norm fallenden Menschen handelt ... An keiner Stelle fanden wir Kriterien für irgendwie geartete schizophrene Wahnbildungen. Hingegen fanden sich überall in typischer Weise ausgeprägt die eigenartigen, abnormen Merkmale einer psychopathischen, querulatorischen Kämpfernatur, die im Laufe von vielen Jahren sich ein philosophisch-religiös-politisches System aufgebaut hat, das sie nun als allgemeingültig auf die Gesellschaft, in der sie lebt, übertragen will. Dieser Expansionsdrang ist ... Ausdruck einer Abnormität, wie sie eben solchen sektiererhaften Kampfnaturen eigen ist. Für eine ... Geisteskrankheit ergab unsere Persönlichkeitsanalyse keinen Anhalt."

Das könnte eine allgemeingültige Definition eines Querulanten sein: Er ist keineswegs krank, sondern hat subjektiv gute Gründe für sein Verhalten. Das jedoch ist kräftig überzogen.

Abschließend schreibt Kaupen: "Unser Kaufmann, der übrigens durch die Etikettierung als geisteskrank seine Existenzgrundlage verlor und heute von der Sozialhilfe lebt, hat den Vorwurf der Abartigkeit in einem der Gutachten durchschaut und dazu an den Rand notiert: ‚artig ist, mit dem Strom zu schwimmen‘. Das gilt insbesondere dann, wenn man für seine Abweichungen keine zusätzliche Legitimation vorweisen kann – etwa eine künstlerische oder eine wissenschaftliche, die in der Regel einen breiteren Verhaltens- und Interpretationsspielraum ermöglichen. ,Querulant’ kann also ... als Ergebnis eines Etikettierungsverfahrens betrachtet werden. Die Instanzen der sozialen Kontrolle, hier die Gerichte in Zusammenarbeit mit der Psychiatrie, begegnen einer unbequemen Kritik ... oder auch nur unbequemen Zeitgenossen dadurch, daß sie die Kritiker als geistig nicht normal ..., mithin als nicht ernstzunehmen bezeichnen."

Der Fall B. hat heute eine quasi querulatorische Pointe: B. selbst ist derjenige, der diesen wichtigen Beitrag Wolfgang Kaupens von 1979 weiter publiziert. Er vertreibt ihn zum Preis von drei Mark. B. hat das Manuskript Kaupens allerdings stark verändert. Er stellt es als Werbung für eine Menschenrechtspartei dar. Er hat den Text von Kaupen ausgeweitet, indem er unzählige Klammern mit Erklärungen hinzufügte und so die Lesbarkeit des Textes stark und seine Objektivität beeinträchtigt hat. Aber B. hat auch jede dieser Klammern mit einem Quellenvermerk versehen. Es wird jeweils klar, daß sie nicht von Kaupen, sondern von B. stammen.

Die Hannoveraner Forschergruppe um Kaupen, die seit 1976 den weißen Fleck in der Querulantenforschung füllen wollte, mußte ihre Arbeit fallenlassen: Kaupen starb 1981 an Krebs, erst 45 Jahre alt. Sein unfertiges Projekt übernahm später der Freiburger Rehabilitationspsychologe Uwe Koch-Gromus, zusammen mit der Psychologin Andrea Dinger und einer Gruppe von Freiburger Psychologen. Ihr Bericht wird demnächst im Verlag C.H. Beck erscheinen. Die Untersuchung, wie sie bis jetzt vorliegt, zögert allerdings auch, den Begriff des Querulanten genau zu definieren. Sie setzt das Wort Querulant in Anführungszeichen, am Schluß ebenso wie zu Beginn.

Die Hoffnung auf eine verbindliche, auch für die Gerichte maßgebende Abgrenzung des Begriffs Querulant sinkt damit. Es gibt bisher eben nur eine weitverbreitete Tendenz der Juristen und Psychiater, den Querulanten als zurechnungsunfähig einzustufen und das Problem mit der Anstalt zu lösen. Eine brauchbare Definition müßte harte Kriterien vorweisen: Wenn ein Mensch sie, der Reihe nach geprüft, erfüllt, ist er ein Querulant. Dann erst können daran Rechtsfolgen geknüpft werden.

Die Psychologen definieren Querulanten allzu vorsichtig. Es sind, nach Koch-Gromus, "Menschen, die mit wenig Aussicht auf Erfolg übermäßig viele Prozesse führen, ständig mit der Justiz in Kontakt stehen und zumindest im Laufe der Zeit teilweise bizarre Verhaltensweisen entwickeln".

Der Verwaltungsgerichtshof Kassel verwendete 1967 ein wenig hilflos zur Definition, was er definieren wollte: "Wer nicht an einer gesteigerten rechthaberischen Verbohrtheit, die sich noch im Rahmen der Gesundheit hält, sondern an einem krankhaften Querulantenwahn leidet, ist in diesem Bereich ... partiell prozeßunfähig. Daß jemand prozeßunfähig ist, kann ausnahmsweise ohne Zuziehung eines Psychiaters vom Gericht festgestellt werden, wenn die aggressive Intensität, die ungezügelte Art und der riesige Umfang der Prozeßführungstätigkeit die krankhafte Störung der Geistestätigkeit offenbar werden lassen. Wer die deutsche Rechtspflege laufend mutwillig und rechtsmißbräuchlich in Anspruch nimmt, dessen Klage verfällt der Prozeßabweisung. Ein Vertreter für einen prozeßunfähigen Querulanten, bei dem das rechtsmißbräuchliche Prozessieren zum Selbstzweck und zu abartigem Lebensinhalt geworden ist, wird nicht bestellt."

Immerhin ist diese grobe Definition auch weit. Der Querulant muß danach schon beträchtlichen Wirbel machen, bis ein Gericht ihn zum Gesetze mißbrauchenden Prozeßhansel, der kein rechtliches Gehör verdient, stempeln kann.

Wer vom Phantom zum realen Querulanten zu gelangen sucht, muß wirklich existierendes Unrecht einkalkulieren. Jedem Menschen wird gelegentlich kleines oder mittleres Unrecht getan. Oder es geschieht ihm einfach objektives Lebensunrecht. Das zu verkraften gehört zur Lebenstüchtigkeit. Schafft ein Mensch das nicht, so ist seine Verwandlung zum Querulanten möglich. In jedes Querulanten Leben spielt deshalb ein erstes Schlüsselerlebnis von ungesühnter Ungerechtigkeit die auslösende Rolle: Irgendein Versagen eines Beamten oder Richters eröffnet die skurrile Karriere des Querulanten, der immer mehr Papier anhäuft, gelegentlich sogar Gewalt anwendet, aber nie endgültig siegt. Die meisten dieser Intensiv-Nörgler sind durchaus geistig gesund, sie leben nur verengt und machen ihr individuelles Problem zum Mittelpunkt der Welt.

Außerdem, das übersehen die Querulanten Jäger oft, gibt es immer wieder Menschen, die wirklich großes Unrecht erlitten haben und deren Lautstärke ihrem objektiven Wehrbedürfnis entspricht: Jeder, der scheinbar querulatorische Akten zu Gesicht bekommt, muß also sorgfältig prüfen, ob sie vielleicht einen realen Skandal enthalten.

Weil die strenge wissenschaftliche Definition des Querulanten fehlt, sind die heimlichen Querulanten-Ordnungen und Querulanten-Listen, die manchmal in unseren Behörden und Gerichten existieren, widerrechtlich. Sie stellen eine absolute Rechtsverweigerung dar.

Den heutigen, etwas verständnisvolleren, aber immer noch schwammigen juristischen Standard in der Behandlung von Querulanten gibt eine Textstelle in dem allgemein geschätzten modernen Zivilrechtskommentar Baumbach/Lauterbach wieder: "Das Verfahrensrecht mißbrauchen auch manche unbelehrbaren Personen, die hartnäckig immer wieder dieselben sinnlosen Eingaben machen ... Sie vermehren durch ihr unsoziales Verhalten unnütz die Arbeitslast und tragen zu einer Vergeudung wertvoller Arbeitskraft bei... Eine vernünftige Rechtsauffassung verlangt aber, daß der Richter derartige Eingaben nach vorheriger sachlicher Bescheidung und Verwarnung künftig unbeachtet zu den Akten nimmt... Freilich bleibt stets zu prüfen, ob hinter einer ehrveiletzenden Form ein ernstzunehmender Antrag steht, dessen Nichtbearbeitung gegen (den Anspruch auf rechtliches Gehör)... verstoßen könnte."

Die Kommentatoren unterscheiden zwischen Bösgläubigkeit und schuldlos unsachlichem Vortrag. Und dann kommen sie zu der für Juristen erstaunlichen Erkenntnis: "Überhaupt ist ein Querulant nicht stets abzuwerten. Querulanz ist weder stets eine Geisteskrankheit noch ein stets die Geschäfts-, Prozeß- oder Zurechnungsfälligkeit sonstwie einschränkender Zustand, sondern oft hartnäckige Kritik und furchtloser Widerspruch."

Was gelegentlich auf die Justiz niederprasselt, zeigt eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm aus dem Jahr 1976. In Schriftsätzen hatte ein Verfahrensbeteiligter aus seinem Herzen wahrhaft keine Mördergrube gemacht und Richter des Landgerichts Arnsberg so qualifiziert: Es sei "diesen elenden Völkern bis heute nicht gelungen, ihre wenigen grauen Zellen zu einer Denktätigkeit aufzurufen"; bei Juristen reiche "der Verstand offensichtlich genau so weit, wie ein fettes Schwein springt – und das springt bekanntlich nicht sehr weit".

Anderswo spricht der Antragsteller von "den allergrößten Idioten unter den Juristen". Von dieser Sorte gebe es "leider zu viele". Das "hochtrabend" so bezeichnete Oberlandesgericht, "das von alten Nazis durchsetzte Hammer Rechtsbeugungszentrum", sei "wegen seiner dummdreisten Entscheidungen geradezu berüchtigt", weil dort "im Akkord gegen das Grundgesetz verstoßen" werde. Von Rechtsprechung könne dort "angesichts der ständigen Rechtsbeugung schon lange nicht mehr gesprochen werden". Der Schriftsatz schließt: "Ich wünsche Ihnen beim Studium der Akten wenig Erfolg, damit Ihnen das Bundesverfassungsgericht die Ihnen zustehende Rüge – möglichst mittels leichter Schläge auf den Hinterkopf, damit der eventuell vorhandene Grips gelockert wird – verpaßt."

Das Oberlandesgericht reagierte mit folgendem Leitsatz: "Enthält eine Antrags- oder Rechtsmittelschrift grobe Verunglimpfungen der mit der Sache, befaßten Justizorgane, so bedarf die Eingabe keiner sachlichen Bearbeitung und Entscheidung." Wohl irgendwo in den Akten des Querulanten, nicht aber im Text dieser Entscheidung findet sich das Anfangsunrecht, das den Mann zu solch einem Schimpfer werden ließ. Man kann nur hoffen, daß das Oberlandesgericht den Fall pflichtgemäß geprüft hat, bevor es zu dem Ergebnis kam, daß die Eingaben des Querulanten nicht bearbeitet werden.

Weil in der Karriere fast jedes Querulanten ein Anfangsunrecht nachweisbar ist, muß auch jeder Querulanz-Verdächtige vor allem dann äußerst sorgfältig durchleuchtet werden, wenn sich seine Akten noch nicht angehäuft haben. Dabei ist leider hinzunehmen, daß der eine oder andere Adressat eines wirklichen Querulanten zeitweise auf dessen querulatorische Raffinesse hereinfällt.

Querulatorisch-monomane Menschen verfassen überproportional häufig Bücher voller Querelen, Beschuldigungen und Dokumente. Sie lassen sie im teuren Selbstverlag drucken. Man liest sie nur mit Beklemmung – und sie geben meist auch Aufschluß über das erwähnte Anfangsunrecht.

"12 Stimmen dafür, daß sie habilitiert wurde, 12 Stimmen dagegen, drei Enthaltungen. Zwei Drittel der Stimmen hätte sie benötigt. Nach zwei vollen Stunden Wartezeit auf das Ergebnis der Fakultätsberatung im Anschluß an den Probevortrag teilte ihr der Dekan mit: Sie sind durchgefallen. Sie haben nicht einmal die einfache Mehrheit erhalten."

Dieses Zitat stammt aus einem anklagenden Buch, das ebenfalls im Selbstverlag erschien. Der rote Band mit dem Titel "Michaela Kohlhaas 1981?" schildert das Mißlingen einer Habilitation. In diesem Fall handelte es sich um eine Frau. Ihre Arbeit war von berühmten Professoren gelobt und positiv begutachtet worden. Aber die Kandidatin war, sei es wegen Intrigen, sei es wegen fachlicher oder persönlicher Unzulänglichkeiten, gescheitert. In die Nähe einer Querulantin geriet sie für mich nur, weil sie sich selbst den Namen Michaela Kohlhaas gab und damit an die berühmte Kleistsche Terroristenfigur erinnerte, den Inbegriff des zeitlosen Querulanten. Ob die gescheiterte Habilitandin wirklich querulatorische Züge hatte, ist fraglich. Sie hatte vielleicht nur ein besonders geschärftes Rechtsbewußtsein und konnte sich mit der ihr zugefügten Unbill nicht abfinden.

Jedenfalls ist auch hier das Anfangsunrecht deutlich: Eine Frau, deren Habilitationsschrift zu großen Hoffnungen berechtigte, wurde in einem späten Stadium des Verfahrens, nach Intrigen und Böswilligkeiten aller Art abgewiesen und in ihren Lebenszielen desavouiert. Die Männergemeinschaft einer Fakultät kann eine Frau, die sich als erste an diesem Ort habilitieren will, durchaus in die Verzweiflung und auch in die Querulanz treiben!

Es gibt zudem Anfangsunrecht, das dem Unbeteiligten als ein lächerlich geringfügiges Übel erscheinen mag, das aber unerhört querulanzauslösend sein kann. Ein Beispiel hat der Braunschweiger Richter Reiner Nichterlein beschrieben: "Ein Strafgefangener kaufte sich am 11. März 1986 während eines Ausgangs ein Päckchen Tabak und ein Päckchen Zigaretten. Bei seiner Rückkehr stellte ein Beamter der Strafanstalt das noch nicht angebrochene Päckchen Tabak sicher und nahm es zur Habe des Gefangenen – bis zu seinem nächsten Ausgang, da kriegte er es zurück."

Der Gefangene erstattete gegen den Bediensteten Strafanzeige wegen Amtsmißbrauchs und Diebstahls. "Die Staatsanwaltschaft holte eine Stellungnahme des Anstaltsleiters ein und stellte dann das Verfahren ein. Der Häftling legte Beschwerde ein. Der Generalstaatsanwalt wies die zurück. Daraufhin beantragte der Gefangene die Bewilligung von Prozeßkostenhilfe, um einen Prozeß zu führen. Ein Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) verweigerte ihm das – mit Begründung. Der Gefangene schrieb eine Gegenvorstellung, das OLG lehnte auch die ab. Der Häftling klagte nun vor dem Verwaltungsgericht gegen das OLG, es solle die Diebstahlsanzeige neu überprüfen. Nachdem der OLG-Präsident Stellung genommen hatte, wies das Verwaltungsgericht die Klage ab – mit eingehender Begründung."

Der Gefangene beherzigte die Rechtsmittelbelehrung in dieser Entscheidung und legte Berufung ein. Und so weiter. Schließlich erreichte der Gefangene eine Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG), zu der alle Beteiligten geladen wurden. Dort erklärte er, er wolle erreichen, daß sein Strafverfahren (weswegen er im Gefängnis saß) neu aufgerollt würde, weil das Strafgericht damals falsch besetzt gewesen sei. Doch schließlich wies das OVG die Klage als unzulässig ab. "Gerichtskosten wurden nicht erhoben, die Revision wurde nicht zugelassen."

Der Gefangene erhob wieder Beschwerde und beantragte Beiordnung eines Notanwaltes. Weitere Verästelungen folgten. Das Bundesverwaltungsgericht hatte sich mit der Sache zu befassen. Sarkastisch schreibt Richter Nichterlein, es sei abzusehen, daß der Gefangene, längst entlassen, noch Verfassungsbeschwerde erheben werde. Mit dem Kläger hätten sich bisher sechzehn Volljuristen, nämlich ein Anstaltsleiter, zwei Staatsanwälte, ein Sachbearbeiter und zwölf zum Teil hohe Richter beschäftigt. Sie alle hätten kostbare Arbeitszeit vergeudet – für einen erkennbar aussichtslosen Fall.

In dem Aufsatz von Nichterlein fiel das Wort Querulant nicht – aber das war einer. Und selbstverständlich muß der Staat sich gegen eine solche Verschwendung von Kraft und Geld wehren können. Für einen Mann im Knast bedeutet der Tabak jedoch viel, mehr als für jemanden in freier Situation. Die kleinliche Wegnahme des Genußmittels ist Anfangsunrecht, für das sich der Häftling auf nachempfindbare, wenn auch querulatorische Weise an der Justiz rächte. Hätte zu diesem Zeitpunkt ein mitfühlender vernünftiger Mensch eingegriffen, der Häftling wäre wohl nicht so eingabefreudig geworden.

Die dann monoman verengten Nörgler haben immer Zeit für Darlegungen, sie kennen bald ihre Rechte vorzüglich, und sie scheuen auch keine Kosten. Querulanten sind meist Vielschreiber, die ihre selbstquälerische Verzweiflung mit den sublimierten und gewaltlosen Mitteln des juristisch gefärbten Schriftverkehrs in die Tat umsetzen. Die Durchschnittslänge der bei Koch-Gromus nachgeprüften Schreiben von "Querulanten" betrug fünf Seiten. Querulatorische Schriftsätze bestehen meist aus überladenen Papierbogen. Typisch sind zahlreiche Unterstreichungen oder Sperrungen und eine gewisse Unordnung im Schriftbild.

Querulanten bezichtigen Richter und Staatsanwälte der Rechtsbeugung – vor allem im Anfangsstadium ihrer Karriere. Sie haben rasch zahlreiche Beleidigungsverfahren am Hals. Ihre Anwälte wechseln sie häufig. Sie telephonieren oft und besonders hartnäckig. Sie schlagen die üblichen Anstandsregeln besten Gewissens in den Wind. Durch die Klebrigkeit ihrer Aktionen, durch dauernde Übertreibung geraten sie aber bald in äußerste Isolierung.

Psychoanalytiker sehen Querulanten daher gelegentlich als Menschen, die etwas aktualisieren, was sie in ihrer Kindheit als malträtierte Opfer erlebt haben, ohne daß sie es wußten und wissen. Sie verhalten sich somit später masochistisch, geraten in Selbstquälerei. Solche Querulanten nutzen oft unbewußt ihnen geschehenes, "auslösendes" Anfangsunrecht, um ihr querulatorisches Gehabe zu entfalten. Sie rutschen schicksalhaft in die Querulanten-Rolle.

Das klassische Beispiel ist, wie gesagt, Kleists Michael Kohlhaas. Diese geniale Darstellung des Werdegangs eines Querulanten vom braven Bürger über den Eingaben-Schreiber zum rasenden Terroristen weckt beim Leser Verständnis für dessen kriminelles Wüten. Der Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, Horst Sendler, resümierte in einem lesenswerten Essay über dieses Schicksal: "Als praktisch tätiger Jurist muß man schon zufrieden sein, wenn es gelingt, Unrecht – insbesondere grobes Unrecht – zu vermeiden oder zu beseitigen ... Was den Kleistschen Kohlhaas anlangt, kann freilich kein Zweifel bestehen, daß die Gerechtigkeit ihm gegenüber grob verfehlt wurde und er zur Empörung allen Anlaß hatte. Aber zweifelhaft kann ebensowenig sein, daß er seinerseits die Maßstäbe der Gerechtigkeit evident verletzt hat."

Daß im Kohlhaas auch ein Selbstportrait seines Autors versteckt sein könnte, dieser Gedanke liegt nicht fern. Künstler – Schriftsteller, Musiker, Maler – sind in einem gewissen Sinne existenzielle Querulanten. In ihnen wird Querulanz produktiv, beziehungsweise ihre Kunst absorbiert ihre Querulanz. Und so ist – umgekehrt betrachtet – jeder Querulant auch nur ein verhinderter Künstler.