Nach der "Granitbeißer-Rede" brach die englische Regierung jegliche Versuche ab, sich Deutschland anzunähern. In Regierung und Öffentlichkeit gewannen fortan jene Kräfte die Oberhand, die im deutschen Kaiserreich den Feind Nummer eins sahen. Das gegenseitige Mißtrauen vertiefte sich.

Bülow war seit dem 17. Oktober 1900 Reichskanzler. De facto leitete er bereits seit 1897 anstelle des damaligen Kanzlers, des greisen Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, die Außenpolitik des Reiches. Am 6. Dezember 1897 sprach Bülow als neuer Staatssekretär des Auswärtigen Amtes zum ersten Male vor dem Reichstag. In den regierenden Kreisen wußte man, daß er das besondere Vertrauen des Kaisers besaß und zu den einflußreichsten Mitgliedern der Reichsleitung gehörte. Für die Öffentlichkeit und auch für das Gros der Reichstagsabgeordneten hingegen war er damals noch ein unbeschriebenes Blatt.

Das änderte sich an diesem Tage. Die Ansprache des Staatssekretärs erregte im In- und Ausland enormes Aufsehen. Zwei ihrer Kernsätze lauteten: "Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber. ... wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne."

Bereits diese erste Rede zeigte den charakteristischen Zug, den auch alle seine späteren Ansprachen aufwiesen: Dieser erfolgreiche Redner setzte nicht primär auf eindrucksvolle Argumente, sondern auf Andeutungen, er spielte mit den Assoziationen seiner Zuhörer. Drei Wochen zuvor, am 14. November 1897, hatten deutsche Marineeinheiten in China das Gebiet von Kiautschou besetzt. Jeder, der nun die außenpolitische Rede hörte oder dann den Text in der Zeitung las, wußte, was Bülow meinte, wenn er von einem "Platz an der Sonne" sprach: Kolonien und Einflußzonen.

Noch weitaus mehr Effekt als seine Jungfernrede machte zwei Jahre später Bülows "Hammeroder-Amboß-Rede" vom 11. Dezember 1899. Wichtige Aussagen waren bewußt so vage gehalten, daß sie den Hörern und Lesern jede Menge Spielraum ließen, das Ungesagte mit ihrer Phantasie auszufüllen. Bülow verkündete eingangs: "Man hat gesagt, meine Herren, daß in jedem Jahrhundert eine Auseinandersetzung, eine große Liquidation stattfinde, um Einfluß, Macht und Besitz auf der Erde neu zu verteilen." Sodann legte er dar, wie im 16. Jahrhundert die Spanier und Portugiesen, im 18. und 19. Jahrhundert die Engländer ihre Weltreiche errichteten. Anschließend fragte er: "Stehen wir wieder vor einer neuen Teilung der Erde?"

Daran wiederum schloß sich die Erklärung: "... träumend beiseite stehen, während andere Leute sich in den Kuchen teilen, das können wir nicht, und das wollen wir nicht ... Die rapide Zunahme unserer Bevölkerung, der beispiellose Aufschwung unserer Industrie, die Tüchtigkeit unserer Kaufleute, kurz die gewaltige Vitalität des deutschen Volkes haben uns in die Weltwirtschaft verflochten und in die Weltpolitik hineingezogen. Wenn die Engländer von einer Greater Britain reden, wenn die Franzosen sprechen von einer Nouvelle France, wenn die Russen sich Asien erschließen, haben auch wir Anspruch auf ein größeres Deutschland, nicht im Sinne der Eroberung, wohl aber im Sinne der friedlichen Ausdehnung unseres Handels und seiner Stützpunkte ... Wir können nicht dulden und wollen nicht dulden, daß man zur Tagesordnung übergeht über das deutsche Volk." Schließlich folgte das berühmte Zitat: "In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein."

Bülows Reden signalisierten: Das kaiserliche Deutschland hatte eine überseeische Expansionspolitik eingeleitet. Der Staatssekretär brachte diese "Weltpolitik" auf’griffige Formeln und profilierte sich als ihr Wortführer. Er hat aber diese Politik nicht erfunden. Politische und ökonomische Expansion betrieben im Zeitalter des Imperialismus alle Großmächte. Die territoriale Aufteilung der Welt unter die Kolonialmächte war um 1900 bereits nahezu abgeschlossen. Es setzte deshalb ein heftiges Ringen dieser Staaten um die letzten überseeischen Gebiete ein, die noch nicht zu einem der Kolonialreiche gehörten. Das waren vor allem China, das Osmanische Reich, Marokko und Persien.