Alles zu Späth

Wie ein Handlungsreisender den Südwest-Staat regierte

Von Rainer Frenkel

War die Welt noch in Ordnung zu bringen? War alles nur ein übler Spuk, angerichtet von "Pharisäern", böswilligen Medien-Gesellen? Aus der Welt zu schaffen durch ein Diktum des Landesherrn?

Unsicher zwar, nervös, gelegentlich den Tränen nahe und Hilfe in schalen Witzen suchend, so stellte sich Lothar Späth noch sechs Tage vor seinem Rücktritt der Landespresse, bereit zu kämpfen.

Der Mann, der Baden-Württemberg seit zwölf Jahren gleichsam absolutistisch regiert hatte, spürte zwar schon, daß seine Macht wankte, hatte aber offenkundig Mühe, den Inhalt der Vorwürfe zu begreifen, gegen die er sich in einstündiger Rede verteidigte.

Vordergründig hatte er sich zu rechtfertigen für eine ganze Reihe von privaten und dienstlichen Reisen, die ihm von befreundeten Industriellen verehrt oder von schwäbischen Unternehmen bezahlt worden waren. Im Kern jedoch steckte die uralte Suche nach der Trennlinie zwischen zumal konservativer Politik und Wirtschaft. Geleitet von der Furcht, daß das Geld, wenn sich die Macht ihm allzu vertrauenswürdig nähert, diese schließlich übernimmt. Daß also die Wirtschaft Gestaltungsspielräume erhält, die ihr nicht zustehen.

Mit umgekehrtem Vorzeichen, nämlich ausgehend von der Anmaßung einiger Industrieller, die Demokratie sichern zu müssen, ist dieser Zusammenhang in den Parteispendenprozessen der jüngeren Zeit immer wieder deutlich geworden. Daß auch da Lothar Späth erst vor ein paar Monaten eine außerordentlich unrühmliche Rolle gespielt hat, übrigens verbunden mit einem Auftritt ähnlich dem dieser Tage, belegt, wie schnell auch ein parlamentarisch bestens legitimierter Politiker ins Trudeln kommt, wenn er die notwendige Distanz aufgegeben hat.

Alles zu Späth

Die Initialzündung für den Fall Späths hatte der Südwestfunk geliefert. Am Rande eines Wirtschaftsprozesses gegen den schon zuvor zurückgetretenen früheren SEL-Chef Helmut Lohr und seine Frau Franziska war aufgedeckt worden, daß die damals befreundeten, inzwischen einander mißachtenden Familien Lohr und Späth gemeinsam eine Reise in die Ägäis unternommen hatten, auf Kosten des Elektronikkonzerns SEL.

Es folgten zwei umfängliche Enthüllungsgeschichten im Spiegel, begleitet von Einzelentdeckungen regionaler Blätter. Sie zeigen einen selbsternannten Industrieförderer, der unablässig umherreist, auf Kosten anderer, zum eigenen Nutzen oder dem der Wirtschaft des Landes. Wer die Geschichten liest, fühlt sich 150 Jahre zurückversetzt, in die Zeiten des Merkantilismus, als der Staat die Wirtschaftsförderung für seine Sache hielt. In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte sich schon einmal ein Mann als staatlich bestellter Wirtschaftsförderer versucht, ein gewisser Ferdinand Steinbeis. Er blieb ziemlich erfolglos. Und sein König, der württembergische Wilhelm I., hatte ihm diesen Auftrag auch nur widerwillig gegeben, mit der Bemerkung: "Ich soll immer der Katze die Schelle anhängen." Er war halt ein aufgeklärter Monarch. Anders als sein Amtsnachfolger Späth.

Der Blendax-Mann

Späth hatte vielmehr geglaubt: "Wenn ich mich in dieser Hinsicht nicht bewegen kann, kann ich nicht Ministerpräsident dieses Wirtschaftslandes sein." Das war nun keineswegs der Blick aufs nahende Ende seiner Amtszeit, sondern die Formulierung einer Überzeugung, einer Aufgabe, die er freilich in den Augen weiter Kreise der florierenden Wirtschaft des Landes durchaus nicht hatte. Hinter vorgehaltener Hand ist der Ärger über den umtriebigen Aufsteiger oft genug herausgelassen worden, auch über die Kosten, die etwa seine Forderungen verursachten, in Firmenjets um die Welt zu fliegen.

Als sinnvolle Industriepolitik ist seine übermäßige Reiserei denn auch von den wenigsten derer verstanden worden, die dafür aufzukommen hatten. Schon gar nicht konnte dies für jene Ausflüge gelten, die zumindest auch privaten Charakter hatten. Die waren zumeist entweder von Lohr oder von Lothar Strobel, dem früheren Generalbevollmächtigten der Mainzer Firma Blendax, bezahlt. Oder von beiden. Beide fuhren auch gelegentlich mit.

Ein paar der inzwischen bekanntgewordenen Fälle:

  • 1984 und 1986 reisten Lohrs und Späths auf SEL-Kosten in die Ägäis.
  • 1985 erholte sich Späth auf Strobels Kosten auf dessen Farm in Irland.
  • 1986 und 1988 bezahlten Lohr und Strobel einen Flug nach Indonesien, blechte Strobel für eine Reise nach Wien, spendierte die SEL (wie auch 1987) einen Reiterurlaub für die Tochter von Späth.
  • 1987, mitten im Bundestagswahlkampf, ließ sich Späth von Max Grundig in die Karibik einladen; in einer gecharterten Concorde ging’s von Paris auf die Yacht vor Barbados.
  • 1988 verreisten Späth und sein Sohn auf SEL-Kosten in die DDR und nach Osteuropa. Im selben Jahr kamen Lohr und Strobel für eine Reise auf die Philippinen auf.
  • 1989 war Späth auf Einladung von Strobel ohne den Gönner in Malaysia, ganz privat.

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Der gestürzte Ministerpräsident will, wenn das noch gilt, zwar der SEL alles "auf Heller und Pfennig" zurückzahlen, was ihm nicht leichtfalle. Aber er will nicht bestechlich gewesen sein, dank seiner "inneren Souveränität".

Nun, der Souverän hatte seine Gunst sehr souverän verteilt. 1984 war er mit seinem Freund, dem jetzigen Mercedes-Benz-Chef Werner Niefer, privat und wohl auch auf eigene Kosten in Kanada, woraufhin er seine ursprüngliche Begeisterung für den Katalysator zunächst einmal verlor. Die Ägäis-Reisen mit Lohrs brachten ihn auf die Idee, die staatliche Grundlagenforschung zu intensivieren, für Elektronikkonzerne wie die SEL in ihrer Furcht vor den Japanern eine schöne Idee. Die Ausflüge nach Indonesien, wo von allen Mitreisenden nur Lohr dem Staatspräsidenten Suharto vorgestellt worden war, endeten mit dem Auftrag für die SEL, dort ein Telephonsystem aufzubauen. Gleiches geschah auf den Philippinen, deren deutscher Honorar-Generalkonsul Lothar Strobel heißt.

Schwaben-Moral

Lange blieb Späth von all den Vorhaltungen unbeeindruckt. Daß er gezielt half und von allen nahm, focht ihn nicht an. "Der Späth läßt sich nicht kaufen, der Späth ist kein Playboy, der Späth ist nicht bestechlich." Daß er nun mutmaßlich über die Kolportage stürzte, die Reise nach Malaysia habe nicht nur der Schönheit der Landschaft gegolten, ist von ziemlich trüber Ironie: In Baden-Württemberg darf ein Politiker im Amt offenbar tun und lassen, was ihm beliebt, nur privat fehlen, das darf er nicht. Dann entdecken die Schwaben ihre Moral wieder, ihren pietistischen Sinn, der sie ohnehin fast gehindert hätte, Späth überhaupt zu küren. 1978, als Vorgänger Hans Filbinger nach quälendem Streit über seine Zeit als Nazi-Marinerichter abgetreten war, gab es gerade aus der pietistisch angehauchten Ecke der Landespartei gleichsam fundamentalen Widerstand gegen den Kandidaten, der allzu schnell und allzu leichtfüßig aufgestiegen schien.

Noch nie hatte der einstige Verwaltungsangestellte lange gefackelt, wenn er einen Schritt nach vorn tun konnte. 1960 startete er in der Finanzverwaltung von Bietigheim, ein Jahr später leitete er die Wohn- und Städtebaugesellschaften dieser Stadt, wurde 1965 ihr Finanzreferent und von 1967 bis 1970 ihr Bürgermeister. Danach ging’s als Geschäftsführer in die Neue Heimat Baden-Württemberg und 1973 in den Zentralvorstand der Wohnungsbau-Gesellschaft in Hamburg. Den verließ er das Jahr darauf, um ganz in die Politik zu wechseln, gleichwohl nahm er von 1975 bis 1977 noch einmal im Vorstand der Stuttgarter Baufirma Baresel Platz. Da war er schon drei Jahre lang Fraktionschef der CDU im Stuttgarter Landtag.

Von privaten Nebenverdiensten ließ er aber auch weiterhin nicht ab. Auch nicht, als er schon Ministerpräsident war. Von 1979 bis 1982 verdiente er als stiller Teilhaber einer Firma System Kontakt, der er einen Millionenkredit der Bank für Gemeinwirtschaft verschaffte, an der noch der Landtagspräsident Lothar Gaa beteiligt war sowie sein Freund, der Mannheimer Bauunternehmer Hans Schlampp. Späth gab die Beteiligung ab, als Gaa, der seinen Privatjob nicht gemeldet hatte, abtreten mußte. Doch dem Freund Schlampp, der im vergangenen Jahr wegen versuchten Betruges zu zwei Jahren auf Bewährung und drei Millionen Mark Geldstrafe verdonnert wurde, konnte er noch einmal helfen: Für einen Antrag auf ein staatliches Darlehen über zehn Millionen Mark hatte Späth, nach eigener Zeugenaussage 1984, eine "wohlwollende Prüfung" angeregt.

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Man muß nicht schwäbischer Pietist sein, um über solche Aktivitäten ins Grübeln zu verfallen.

Trotz aller frühen Bedenken – Lothar Späth setzte sich gegen den jetzigen Bürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, durch und wurde am 30. August 1978 Regierungschef. Er hatte das angestrebte Amt erreicht und führte es in den Augen seiner strengeren Beobachter nach dem Motto jenes Giovanni de’ Medici, der, als er im 16. Jahrhundert zum Papst Leo X. berufen wurde, ausgerufen haben soll: "Nun hat uns Gott ein schönes Amt gegeben. Da wollen wir es auch genießen."

Geschickt geleitet von seinem früheren Pressechef Matthias Kleinen, der jetzt denselben Job im Daimler-Benz-Konzern versieht, stand Späth bald überall im Zentrum, also im Licht. Und er wurde bald zu einem der am meisten überschätzten deutschen Politiker. Späth entfachte rasch regelrechte Wirbelstürme von Einfällen, verschaffte sich einen schier unruinierbaren Ruf als erster Vertreter der baden-württembergischen Wirtschaft und Promoter moderner Hochtechnologien.

Lothar Späth war einfach der Größte. Als ihn sein langjähriger Freund, Vermarkter und Berater Kleinen verlassen hatte, gab es offenbar niemanden mehr, der ihn wirksam beraten hätte. Sein Selbstbewußtsein erschien unerschütterlich. Sein Schatten wurde überlebensgroß.

Und in diesem Schatten fanden sich schließlich auch Teile der baden-württembergischen Justiz. Voran die Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

Niemand wird jemals belegen können, daß der Regierungschef über seinen Justizminister in diese weisungsgebundene Behörde hineinregiert hätte. Doch zeigt eine ganze Kette von Handlungen und Unterlassungen, daß Politiker im Lande mehr Schonung genießen als Menschen anderer Art.

Auf bestürzende Weise wurde dies deutlich im Parteispendenprozeß gegen den früheren Bosch-Chef Hans L. Merkle, abgeschlossen im November vergangenen Jahres mit einem Schuldspruch, welcher "unter Vorbehalt" eine Bestrafung androht. Schon im Vorfeld dieses Prozesses und eines ähnlichen gegen den Eßlinger Unternehmer Eberspächer hagelte es scharfe Kritik daran, daß zwar gegen die Spender über viele Jahre ermittelt wurde, gegen die Empfänger aber, die Politiker, so lau, daß die sich schließlich in die Verjährung davonstehlen konnten.

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Als sie dann schließlich immerhin als Zeugen aussagen mußten, spielten die, die doch die Nutznießer der von ihnen selbst konstruierten Spendenpraxis waren, auf geradezu dreiste Weise die Ahnungslosen. Nur bei Hans Filbinger, der ja politisch vollends der Vergangenheit angehört, wird ermittelt, ob er vielleicht falsch ausgesagt hat.

Allein Gerhard Mahler, früher und einziger mannhafter Widersacher Späths, einst Mitglied des Präsidiums der Landes-CDU, konnte sich vor Gericht erinnern und tat dies auch.

So geriet die Aussage, die Lothar Späth selbst am 23. Mai von sich gegeben hatte, nach und nach in den Ruch einer uneidlichen Falschaussage. Späth hatte zu Unrecht den Eindruck erweckt, in der fraglichen Zeit als Fraktionschef allenfalls selten an Präsidiumssitzungen teilgenommen zu haben. Erst 1979 habe er die dort gelegentlich diskutierte Spendenpraxis kennengelernt und sofort abgestellt, was in dieser Schärfe auch nicht stimmte. Von Präsidiumsprotokollen, die später zu Dutzenden auftauchten und erhebliche "Ermittlungspannen" der Staatsanwaltschaft bloßlegten, wollte er nicht gewußt haben.

Auch einen Brief des damaligen CDU-Schatzmeisters Alfred Hubertus Neuhaus, der die Spendenwaschanlage genau beschrieb, wollte er nie gekannt haben, obgleich über das Papier in Gegenwart von Späth diskutiert worden war. Und so weiter, und so fort.

Gleichwohl kam der Staatsanwaltschaft nie ein ausreichend großer Anfangsverdacht, Späth könnte die Dinge zurechtgelogen haben.

Merkle-Verteidiger Welp konstatierte damals sarkastisch: "Wir nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, daß ein behutsamer Umgang mit dem Verdacht in der Ermittlungspraxis der Staatsanwaltschaft Stuttgart fest verankert ist."

Erst in diesen Tagen lieferte die schwäbische Justiz für ihre Kunst im Umgang mit Politikern das übelste Werkstück ab: Das Parteispendenverfahren gegen den früheren Schatzmeister Neuhaus wurde per Strafbefehl über 31 200 Mark erledigt. Tatbestand: Beihilfe zur Steuerhinterziehung von fast 10 Millionen Mark.

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Dieser Fall ist so übel, weil Neuhaus der einzige Politiker war, dessen Verfehlungen nicht verjährt waren. Weil ohne ein öffentliches Verfahren gegen Neuhaus die übrigen Politiker endgültig aus der Schußlinie sind. Weil Neuhaus, als die zentrale Figur der Affäre, nicht hätte behaupten können, nichts gewußt zu haben.

Nurmehr nebenbei: Neuhaus hatte nicht einmal vor Drohungen gegen Unternehmer zurückgeschreckt, um an Geld zu kommen. Außerdem brannten seine Akten, als die Staatsanwälte ein zweites Mal bei ihm auftauchten. Eine "Feuerbestattung" nannte das Merkles Richter Klaus Teichmann.

Als im Mai vergangenen Jahres die Idee aufkam, den Fall Neuhaus still und heimlich zu erledigen, wurde sie unter anderem mit der Überlastung der zuständigen Strafkammer begründet. Das gab Späth die Gelegenheit, großzügig einer personellen Aufstockung das Wort zu reden. Da wollten die Staatsanwälte sich nicht lumpen lassen. Sie sprachen, der Sachverhalt sei "inzwischen geklärt", eine hanebüchene Behauptung; außerdem mutmaßten sie, Neuhaus "dürfte als Angeklagter weiter schweigen. Bei einer etwaigen Aussage unterlage er nicht der Wahrheitspflicht."

Lothar Späths Baden-Württemberg, ein Land, in dem geständige, zahlungskräftige Kriminelle ihre Schuld hinter verschlossenen Türen begleichen dürfen.

Das Wohlergehen der hohen Tiere liegt der Justiz des berühmt-berüchtigten Musterländles nicht etwa nur dann am Herzen, wenn es um Parteispenden geht.

  • Im Verfahren gegen den Lieferanten der libyschen Chemiewaffenfabrik Jürgen Hippenstiehl-Imhausen, das mit einem beinahe geräuschlos getroffenen Deal zu Ende ging, war zuvor ein Staatsanwalt ausgewechselt worden. Der Verdacht: Weil mit dem dieser Handel nicht zu machen war. • Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat vorgeschlagen, ein Verfahren gegen den Mercedes-Chef und Späth-Freund Werner Niefer wegen "geringer Schuld" einzustellen. Niefer hatte als Fahrer eines Busses im Rom einen Unfall verursacht, dabei eine Touristin verletzt und die Aufklärung nicht gerade gefördert. "Geringe Schuld"? Dem Amtsrichter Christoph Nicol, der sich der Einstellung widersetzt, ist ein Kranz zu flechten.
  • Was aus übereifriger Schonung auch werden kann, eine gewaltige Belastung nämlich, auch dafür präsentierte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nun ein Beispiel. Gefragt, warum Späths Reisekosten im Prozeß gegen Lohrs nicht auch als Steuerhinterziehung angeklagt wurden, antwortete der zuständige Pressestaatsanwalt Wolfgang Schmid: Man habe angenommen, es habe sich in diesen Fällen tatsächlich um Betriebsausgaben gehandelt. Weniger technisch ausgedrückt: Späths Reisen haben den Betriebszwecken des SEL-Konzerns gedient, waren von Vorteil für die SEL. Das Wort Vorteilsgewährung steht in großer Nähe zu einem anderen Begriff: Bestechlichkeit.

Natürlich hat Späth sofort dementiert: Die Reisen waren rein privat.

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Wie immer jeder dieser Fälle im einzelnen zu bewerten sein mag: Ihre Häufung, ihre Tendenz geben Rezzo Schlauch, dem grünen Bundestagsabgeordneten, recht, der da – frech wie immer – verkündet hat, es habe sich "eine Praxis entwickelt, die den Begriff der Klassenjustiz in den Schatten stellt".

Die unerlaubte Nähe des führenden Landespolitikers zum industriellen Jet-set, das übergroße Einfühlungsvermögen von Justizkreisen in die Nöte von Politikern – in Baden-Württemberg sind die unerläßlichen Distanzen geschwunden. Politik (damit auch: Parteipolitik), Wirtschaft und Justiz haben eine Dreiecksbeziehung aufgenommen, in der, ganz wie im richtigen Leben, jeder Beteiligte nur Schaden nehmen kann. Auch wenn sie dazu angelegt war, Nutzen zu stiften.

Bleibt zu fragen, ob es denn nicht wenigstens auch Nutzen zu vermelden gibt. Schließlich steht das Land im Rufe, eine blühende Wirtschaftsregion zu sein. Das ist, zum Beispiel gemessen an der Arbeitslosenquote der abhängig Beschäftigten, auf den ersten Blick gewiß richtig: Der Wert liegt im Lande bei 4,0 Prozent (geht in einzelnen Gemeinden hinunter bis auf 1,9 Prozent), auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik bei 6,8 Prozent; und diese Zahl profitiert ja noch von der günstigen Lage in Baden-Württemberg.

Aber die Rechnung für diesen Erfolg, den die selbstbewußte Industrie des Landes auf das eigene Konto schreibt, und nicht auf das des Ministerpräsidenten, wird eines Tages zu bezahlen sein. Und: Sie wird teuer, in vielfacher Hinsicht.

Einen Hinweis gibt die Entwicklung der Haushaltsverschuldung. Späth war angetreten mit dem Versprechen "Null-Verschuldung". Da lag die Last bei 12 Milliarden Mark. Nach einer ganzen Reihe von Nachtragshaushalten in der jüngsten Zeit wird sich deren Druck beinahe vervierfacht haben. Für die Jahre 1991/92 wird die Summe auf 46 Milliarden Mark veranschlagt.

Und wofür das Ganze? Es gibt in dem total verstopften Land keine erkennbare Verkehrspolitik. Und, angesichts von Ballungen, die sich selbst zu ersticken drohen, auch keine Strukturpolitik. Ebenso fehlt jedes Konzept für die Beseitigung von Sondermüll in dieser bedeutendsten Industrieregion Europas. Auch die Umwelt droht dem Erfolg zum Opfer zu fallen: Im Waldsterben ist Baden-Württemberg Spitze.

Aber der Erfolg selbst ist in Gefahr. Zu abhängig ist die Region von der Autoindustrie. Mag Späth auch von Technologiepark zu Technologiepark gereist sein, ein Einbruch dieser tragenden Branche wäre für Baden-Württemberg eine Katastrophe. Und da die Infrastruktur über die Kapazitätsgrenzen hinaus belastet ist und die Grundstückspreise natürlich hoch sind, hat der Südwest-Staat auch noch viel von seiner Standortqualität für Neuansiedlungen verloren.

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Zweifellos: Späth hat viel Stimmung gemacht für Technik und Wirtschaft, aber er hat sich um die Folgen kaum gesehen. Um ein Beispiel aus der Salatwirtschaft zu benutzen: Die Wirtschaft des Landes ist ins Kraut geschossen, und solcher Salat schmeckt irgendwann bitter. Überhaupt ist Späth über die Jahre zu einer Art Ankündigungspolitiker geworden – und hat dabei viele Flops erdulden müssen:

  • So sollte das Land Modell stehen für eine private Rundfunklandschaft – die meisten Privatradios kämpfen, dank unentschiedener Rundfunkpolitik, ums Überleben.
  • Süddeutscher Rundfunk und Südwestfunk sollten fusionieren, um in der ARD eine starke Südschiene zu bilden – herausgekommen ist ein noch wenig spezifiziertes Kooperationsversprechen.
  • Seit vielen Jahren will sich Späth den Wunschtraum einer süddeutschen Großbank erfüllen – Ergebnis: immer neue Pläne.
  • Am Boxberg, im Main-Tauber-Kreis, sollte ein Kahlschlag von 25 Hektar Waldfläche Fakten schaffen für den Bau einer von Späth geförderten Daimler-Benz-Teststrecke – das Bundesverfassungsgericht verbot später die Zwangsenteignung der "Bundschuh"-Bauern, Kosten für die Wiederaufforstung von 90 000 Bäumen: 600 000 Mark.

Diesen nicht getanen Taten stehen Taten gegenüber, die besser nicht getan worden wären:

  • Die Wasserverbraucher müssen den Landwirten eine Abgabe namens "Wasserpfennig" dafür bezahlen, daß die weniger Pflanzenschutz- und Düngemittel verwenden – eine schlimme Umkehrung des vernünftigen Verursacherprinzips.
  • Für ein Pkw-Werk "der Zukunft" in Rastatt wollte Späth Daimler-Benz 160 Millionen Mark in die Kasse schieben, knapp 100 Millionen haben die Brüsseler Kommissare nur erlaubt – gebaut worden wäre das Werk mit großer Sicherheit dort auch ohne die unsinnige Standort-Subvention.

Die besondere Liebe des Landesvaters galt nicht allein der Wirtschaft, auch die Bereiche Kultur und Wissenschaft konnten sich in ihr sonnen – oder Späth sich in ihnen.

So wird die Universität auf dem Ulmer Eselsberg mit großem Aufwand nach dem Vorbild der japanischen Stadt Tsukuba Science City zu einer Wissenschaftsstadt, Technopolis 2000, ausgebaut, gemeinsam mit Daimler-Benz und AEG. Dabei sollen Forschung, Lehre und Anwendung sich überschneiden. Eine umstrittene Idee, die das Handelsblatt bange fragen ließ: "Fremdgehen und keusch bleiben?" Gescheitert ist bereits Späths Ausflug in die rein private Hochschullandschaft. Konrad Schily, der Gründer der Privatuniversität Witten-Herdecke, wollte in Mannheim eine Filiale aufmachen. Dort sollten 2000 Studenten der Ingenieurs- und Naturwissenschaften unterkommen, das Land hätte die Hälfte der Investitionen getragen, doch die ins Auge gefaßten privaten Sponsoren spielten nicht mit.

Wird auch Caterina Valente das Spiel aufgeben, nachdem ihr großer Gönner Späth das seine weggelegt hat? Sie war als Gründungsprofessorin ausersehen für die neuen Studiengänge "Show/Musical" und "Jazz/Pop" an der Mannheimer Musikhochschule. Ist nach Späths Abgang der Show-Bedarf des Landes gestillt?

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Und was erst wird aus Wolfgang Gönnenwein, Späths Koordinator und Chefberater einer Kulturpolitik, die Späth nicht nur lieb, sondern auch teuer ist. Auch er ein Aufsteiger wie Späth und Lohr. Auch er ein Mann mit der Gabe der Allgegenwart. Er ist nicht nur ehrenamtlicher Staatsrat im Kabinett, sondern auch: Generalintendant der Württembergischen Staatstheater und Leiter und Dirigent der Ludwigsburger Festspiele. Wenn August Everding in München das erfährt. ...

Furore hat Lothar Späth natürlich auch in der Bundespolitik gemacht. Seine Wahlerfolge im Südwesten machten ihn zeitweilig in den Augen mancher Kohl-Gegner zum Rivalen des Kanzlers, den der nun endgültig losgeworden ist.

Ein nur halbherziger Versuch, sich auf dem Bremer CDU-Parteitag vom September 1989 gegen Kohl zu stellen, scheiterte freilich kläglich. Späth wurde nicht einmal ins Präsidium gewählt. Die Bonner Karriere, jedenfalls die ganz große, war vor Beginn am Ende. Allerdings hat Kohl dafür gesorgt, daß er nun doch – noch – im Präsidium sitzt. Im Herbst vergangenen Jahres war Späth noch einmal als eine Art Aufbau-Minister für das neue Deutschland im Gespräch.

Doch auch aus Stuttgart war seine Stimme gut zu vernehmen. Mal plädierte er verschwommen für eine europäische Regionalpolitik. Mal forderte er um so schärfer ein härteres Asylrecht: Man solle "politisch nicht Verfolgte schon an der Grenze abweisen". Anderen Minderheiten galt seine Sorge durchaus: Aus der Steuerreform-Debatte ist noch gut sein penetrantes Plädoyer für die Privilegien der Daimler-Benz-Mitarbeiter im Ohr, Stichwort "Jahreswagen". Franz Josef Strauß hatte seinerzeit Mühe, den baden-württembergischen Amtskollegen mit seiner Aktion für die Befreiung der Privatflieger von der Flugbenzinsteuer in den Schatten zu stellen.

Ob er nun gegen angeblich arbeitsunwillige jugendliche Arbeitslose polemisierte oder einer Erhöhung der Mineralölsteuer das Wort redete ("Zehn Pfennig rauf") oder zu den Eigentumsproblemen in den neuen Bundesländern sich äußerte ("Notfalls enteignen") – stets und überall war Lothar Späth stimmlich zugegen. Er betrieb eine Art des politischen Pointillismus, nur das Bild, das dabei entstand, wollte nicht mehr gefallen.

Maßlos überschätzt von sich und anderen, ist Lothar Späth gestürzt. Seine Welt war schon lange nicht mehr in Ordnung. Das Drama vom Aufstieg und Fall hat einen neuen Helden.