Alice Schwarzer

Am Anfang der Seepromenade des Wörthersees, nicht weit von der Dampferstation, bin ich zum erstenmal geküßt worden, aber ich sehe kein Gesicht mehr, das sich meinem nähert, auch der Name von dem Fremden muß im See verschlammt sein. Der Fremde war vielleicht auf der Flucht oder er wollte Zigaretten für die Marken eintauschen und sie rauchen mit der schönen großen Frau, nur war ich damals schon neunzehn Jahre alt und nicht mehr sechs, mit einer Schultasche auf dem Rücken, als es wirklich passierte. In einer Großaufnahme steht die kleine Glanbrücke da, nicht das abendliche Seeufer, nur diese mittäglich übersonnte Brücke mit den zwei kleinen Buben, die auch ihre Schultaschen auf dem Rücken hatten, und der ältere, mindestens zwei Jahre älter als ich, rief: Du, du da, komm her, ich geh dir etwas! Die Worte sind nicht vergessen, auch nicht das Bubengesicht, der wichtige erste Anruf, nicht meine erste wilde Freude, das Stehenbleiben, Zögern, und auf dieser Brücke der erste Schritt auf einen anderen zu, und gleich darauf das Klatschen einer harten Hand ins Gesicht: Da, du, jetzt hast du es! Es war der erste Schlag in mein Gesicht und das erste Bewußtsein von der tiefen Befriedigung eines anderen, zu schlagen. Die erste Erkenntnis des Schmerzes. Mit den Händen an den Riemen der Schultasche und ohne zu weinen und mit gleichmäßigen Schritten ist jemand, der einmal ich war, den Schulweg nach Hause getrottet, dieses eine Mal ohne die Staketen des Zauns am Wegrand abzuzählen, zum erstenmal unter die Menschen gefallen, und manchmal weiß man also doch, wann es angefangen hat, wie und wo, und welche Tränen zu weinen gewesen wären. Ingeborg Bachmann „Malina“

Die erste Erkenntnis des Schmerzes“: Ziemlich zu Anfang ihres von ihr selbst als „autobiographisch“ benannten Romans „Malina“ schildert Ingeborg Bachmann dieses Erlebnis als entscheidend. „Zum ersten Mal unter die Menschen gefallen.“ Danach trottete „jemand, der einmal ich war, nach Hause“.

Das weibliche Ich aus „Malina“ war an diesem Tag zum ersten Mal im Leben dem Verrat, der Demütigung, der Gewalt begegnet. Männlicher Gewalt. Es sollte erst der Anfang sein. Was das Mädchen in den Jahren darauf erlebte, ihm zugefügt nicht von einem Fremden, sondern vom eigenen Vater, das zerstörte die Frau lebenslang. Sie verlor das Vertrauen, das Vertrauen in die Welt, das „Weltvertrauen“, wie es der von Bachmann sehr geschätzte Jean Améry in einem 1966 veröffentlichten Text nannte. Er schrieb damals:

„Der erste Schlag bringt dem Inhaftierten zu Bewußtsein, daß er hilflos ist – und damit enthält er alles Spätere schon im Keime. Folter und Tod in der Zelle, wovon man gewußt haben mag, ohne daß freilich solches Wissen Lebensfarbe besessen hätte, werden beim ersten Schlag als reale Möglichkeiten, ja als Gewißheit vorgespürt. Man darf mich mit der Faust ins Gesicht schlagen, fühlt in dumpfem Staunen das Opfer und schließt in ebenso dumpfer Gewißheit: Man wird mit mir anstellen, was man will. Draußen weiß niemand davon, und keiner steht für mich ein. Wer zu Hilfe eilen mochte, eine Ehefrau, eine Mutter, ein Bruder oder Freund, hier gelangt er nicht herein.“

Bachmann gelangt nicht hinaus. Bei ihr und all den anderen Mädchen und Frauen könnte man davon wissen. Aber man will nicht, bis heute nicht. „Ich habe gesehen, daß alle abwarten, sie tun nichts.“ Und es passiert „überall und nirgends“.

Ingeborg Bachmann, geboren am 25. 6. 1926 in Klagenfurt, starb am 17. 10. 1973 in Rom. Sie hatte nicht länger die Kraft, die Folgen der Folter – Folter durch ihre Liebsten – zu überleben. Jean Améry, geboren am 31. 10. 1912 in Wien, starb am 18. 10. 1978 in Salzburg. Selbstmord. Er hatte nicht länger die Kraft, die Folgen der Folter – Folter durch die Nazis – noch länger zu überleben. Die Folter ist das zentrale Thema von „Malina“.