Von Otto Köhler

Ein glücklicher Ernst Dieter Lueg verkündete in seinem Bericht aus Bonn am 14. Dezember: "Die Vereinigung, meine Damen und Herren, findet noch einmal statt – morgen auf dem Bildschirm." Und ARD-Berichterstatter Claus Richter fühlte sich wie der Weihnachtsmann: "Noch einen Tag müssen sie sich gedulden, die Menschen im sogenannten Tal der Ahnungslosen." Morgen werde die "elektronische Einheit" Wirklichkeit.

Also geschah es am nächsten Tag. Pünktlich zum Samstagabend-Programm um 19.58 Uhr übereignete Rudolf Mühlfenzl, der von seinem Unionsfreund Kohl entsandte Generalgouverneur für das ostdeutsche Rundfunkwesen, der ARD die Frequenzen des ersten DFF-Programms. Das zuverlässige ZDF hatte schon zum Wahltag am 2. Dezember die Sendemacht auf den DFF-Reservewellen übernommen. Nur auf den Wellen des zweiten DFF-Programms dürfen die Eingeborenen als bescheidene "Länderkette" des DFF weitersenden.

Am Neujahrstag zeigte auch der ZDF-Intendant Stolte seine Freude. Er konnte den Zuschauern im östlichen Anschlußgebiet verkünden, daß die letzte Versorgungslücke im – das Wort kennt auch er – "Tal der Ahnungslosen" geschlossen sei und sie jetzt endlich "freien Zugang zu Information" genössen.

Die 19.00-Uhr-heute-Sendung unmittelbar vor Stoltes Ansprache brachte keine einzige Meldung aus dem Gebiet derer, die jetzt so frei gemacht sind. Wie es in ihrem Land, dem ehemaligen, im neuen Jahr durch neue Gesetze und neue Verordnungen an den Geldbeutel geht, das erfuhren unsere Brüdern und Schwestern nur, wenn sie so unfrei waren, um 19.30 Uhr die Fernsehnachrichten in dem Schrumpfprogramm anzusehen, das ihnen vorläufig geblieben ist.

Ich habe in den ersten zehn Januartagen die abendlichen Hauptnachrichtensendungen von ARD (Tagesschau und Tagesthemen) und ZDF (heute und heute-journal) mit denen der DDF-Länderketten Aktuell um 19.00 Uhr und Spätjournal um 22.15 Uhr verglichen – nicht die weltweite Berichterstattung (das ist ein Thema für sich, bei dem der DFF nicht schlecht dasteht), sondern die Nachrichten aus den fünf neuen Ländern, die jetzt von ARD und ZDF mitversorgt werden. Versorgt – und entsorgt.

Gewiß, über den Pharmaskandal, die westdeutsche Pillensperre für unsere minderen Brüder im Osten, berichteten beide Seiten am ersten Mittwoch und Donnerstag des neuen Jahres in aller Ausführlichkeit – Mafia interessiert immer. Aber nichts an diesem Abend im Westfernsehen über den großen Ostberliner Zeitungsskandal: Die drittgrößte überregionale Tageszeitung Tribüne wird eingestellt. Nur der Deutsche Fernsehfunk läßt die Redakteure vor die Kamera, denen am Morgen von einer dubiosen Geschäftsführung eine Pressekonferenz in ihrer eigenen Redaktion verboten wurde. Ebenso exklusiv folgt dort danach der Bericht aus der einstigen SED-Prominenten-Siedlung Wandlitz, über deren Badezimmerarmaturen das Westfernsehen ein Jahr zuvor so ausführlich berichtet hatte. Jetzt kämpft eine westdeutsche Firmengruppe um den Besitz. Das in Wandlitz nach der Wende eingerichtete Rehabilitierungszentrum für krebskranke Kinder wird "abgewickelt": durch Massenentlassungen. Zwanzig zur Aufnahme vorgesehenen Kindern wurde am Vortag abgeschrieben.