Senden

Jahrelang haben die Schrebergärtner im schwäbischen Senden in ihren Gartenhäusern mit eigenem Brunnenwasser Kaffee gekocht, Essen zubereitet, Blumen und Gemüse gegossen. Jetzt hat das zuständige Landratsamt Neu-Ulm die Gartenbesitzer aufgefordert, kein Wasser mehr aus den Brunnen zu verwenden: Die Brunnen sind mit den Chemikalien Tetrachloräthylen (Per) und Trichloräthylen (Tri) verseucht.

Schuld daran ist die Entsorgungspraxis einer Uhrenfabrik am Ort, die in ihren besten Zeiten 2500 Menschen beschäftigt hat. Durch leichtsinnigen Umgang mit Stoffen wie Per, Tri, Cyanid und Kupferschlämmen wurde das Grundwasser verunreinigt. Jahrzehntelang sollen auf dem Firmengelände giftige Substanzen ins Erdreich gegossen oder vergraben worden sein.

Ein ehemaliger Mitarbeiter sagte aus, daß beispielsweise galvanische Bäder einfach über alte Brunnenschächte "entsorgt" worden seien. Als einer dieser Brunnenschächte eines Tages nichts mehr aufnehmen konnte, sei der Schacht auf Anordnung des Inhabers verschlossen und eine Grube im südöstlichen Bereich der Uhrenfabrik als Entsorgungsstätte benutzt worden.

Inhaber und Chef der Firma war bis vor zwei Jahren der inzwischen über achtzigjährige Erich Rittinghaus. Er ist Ehrenbürger der 20 000 Einwohner zählenden Stadt und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Nach ihm ist in Senden eine Straße benannt. "Womöglich ist das der Grund dafür, daß man sich jahrelang nicht an die .Heilige Kuh’ Uhrenfabrik herangetraut hat", vermutet die SPD-Kreisrätin Christine Hiermeier.

Beim Landratsamt in Neu-Ulm sieht man die Sache mit großer Sorge. Landrat Franz Josef Schick (CSU) teilte mit, inzwischen hätten sich zahlreiche ehemalige Mitarbeiter der Fabrik gemeldet und sehr präzise über unsachgemäße Entsorgungspraktiken bei chlorierten Kohlenwasserstoffen, Galvanikabwässern und Cyaniden berichtet. Messungen ergaben besorgniserregende Werte: 105 Milligramm chlorierte Kohlenwasserstoffe pro Liter auf dem Firmengelände, 6,4 Milligramm in der Umgebung. Der Grenzwert liegt bei 0,05 Milligramm. Es müsse von einem weit größeren Umfang der Boden- und Grundwasserverunreinigung ausgegangen werden, die Sanierung werde Jahre dauern – zu diesem Schluß kamen Behördenvertreter in einem Gespräch, an dem auch die neuen Inhaber der Uhrenfabrik beteiligt waren. Die Staatsanwaltschaft in Memmingen hat inzwischen Ermittlungen aufgenommen.

Kreisrätin Christine Hiermeier wirft den Behörden vor, wieder einmal zu lange gewartet und zu wenig getan zu haben. Es gebe Hinweise darauf, daß noch kurz vor dem Verkauf der Uhrenfabrik vor zwei Jahren Nitroverdünnungen einfach ins Erdreich gekippt wurden. Inhaber der Fabrik ist heute der 35jährige Diplomingenieur Nikolaus von Seemann, der betont, ihm sei bei Übernahme der Firma schriftlich versichert worden, daß keine Altlastenprobleme vorhanden seien. Auch ihm gegenüber hätten ehemalige Mitarbeiter bestätigt, daß es mehrmals zu Unfällen mit Per und Tri gekommen sei. Von einem vorsätzlichen oder grob fahrlässigen Vorgehen könne er jedoch nach seinem Kenntnisstand nicht sprechen. Die Produktionstechnik sei inzwischen umgestellt und "regelrecht umweltfreundlich". Klaus Wittmann