Daß unsere Justiz noch immer nicht entjungfert sei, ist eine alte Beschwerde, die ihre Berechtigung in den 83 Jahren, seit ihr Karl Kraus in der Fackel diese einleuchtende Formel gab, hinlänglich unter Beweis gestellt hat. Aber tempora mutantur, und wer das in diesem Fall nicht glauben mag, der lese den Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 27. November 1990.

Der Rowohlt Verlag hatte gegen die Indizierung eines seiner Taschenbücher durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften geklagt und nach drei verwaltungsgerichtlichen Niederlagen Verfassungsbeschwerde erhoben. Die stigmatisierende Aufnahme des Buches in die Liste der Prüfstelle und die damit verbundenen Vertriebs- und Werbungsbeschränkungen verstießen gegen Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes. Denn möge es sich hier auch um Pornographie handeln, so sei sie doch und jedenfalls Kunst. Deren "Freiheit" schütze die Verfassung.

Das Corpus delicti ist die "Josefine Mutzenbacher", eine schon ehrwürdige Cause célèbre der erotischen Literatur und der sittlichen Justiz. Etwa gleichen Alters wie jene rechtskundige Virginitäts-Bescheinigung des Karl Kraus, verdankt sie übrigens gerade diesem die einzige Entblößung, die sie selbst unterläßt – die des Namens ihres Verfassers: Felix Saiten, als Autor des "Bambi" etwas berühmter und fast ebenso erfolgreich, wenn auch in anderen Kreisen des Publikums. Daß die "Mutzenbacher" Pornographie ist, und zwar in Drastik, Phantastik und, also, wie soll man sagen – Eindringlichkeit von durchaus überlebensgroßem Format, das könnten allenfalls jene frommen Ästheten bestreiten, denen alle Kunst rein ist, und "polymorph pervers" ein Begriff, der anderswo hingehört als in die Literaturgeschichte. Und daß umgekehrt ein solches Opus magnum pornographicum schon deshalb nichts mit der Kunst zu schaffen habe, das ist eine alte Schutzbehauptung der Juristen. Denn sie, die nun einmal die Unterwelten zu bekämpfen, das Gutewahreschöne aber zu schützen haben, bestehen verständlicherweise auf einer sauberen Trennung der Sphären.

Vorbei, vorbei! Die Riesenschlacht des sexuellen Philistertums, seit anno Wedekind geschlagen mit der beiderseits und bloß jeweils spiegelverkehrt dem Gegner vorgehaltenen Parole: Das ist doch x, kann also nicht y sein! – sie ist erledigt. Der Spießer und der Ästhet, in Sexualdingen einander bis zur Verwechselbarkeit ebenbürtig, sie dürfen einpacken. "Kunst und Pornographie", sagt jetzt das Bundesverfassungsgericht, "schließen einander nicht aus." Das wollen wir eine gute, wahre und schöne Tat nennen. Man muß es nicht geradezu für die Defloration der Justitia halten. Aber die berühmte Binde vor dem Blick aufs Leben hat sie jedenfalls abgenommen.

Bloß müssen wir hier den Rowohlt Verlag darauf hinweisen, daß seine Siegesfanfare für Kunst, Geschlecht und Geschäft ein wenig verfrüht kommt. Denn nicht weil die Kunstfreiheit der "Mutzenbacher" gewichtiger wäre als der Jugendschutz, hat das Verfassungsgericht die Entscheidungen der Bundesprüfstelle und der Verwaltungsgerichte aufgehoben. Sondern weil beide Rechtsgüter gleichen grundrechtlichen Rang haben und ihre Kollision daher nur mit wesentlich komplexeren Abwägungen zu lösen ist als im alten justitiellen Entweder-oder-Schema. Die Bundesprüfstelle muß jetzt neu entscheiden. Was dabei herauskommt, ist offen.

Riskieren wir eine Prognose: Die Indizierung wird wiederholt werden. Glaubt man im Ernst an ein Ende des Konflikts zwischen Kunst und Gesetz? Verschoben hat sich bloß die Front. Nun läuft sie genau durch jene Mitte aller Lebensdinge, wo eben auch die heiligsten Musen "O cupido, cupido!" singen. Und übrigens mitten durch den Strafgesetzparagraphen 184 Absatz 3, der bei Pornographie, die "den sexuellen Mißbrauch von Kindern ... zum Gegenstand hat" – also etwa die "Mutzenbacher" schon die Herstellung und Verbreitung pönalisiert. Von Werbung nicht zu reden.

Man sieht: Die künftige Schlacht ist eröffnet. Wir sind gespannt. "Lex mihi ars" ist ein alter Scherz aus der ersten Lateinklasse. Die Kunst ist uns Gesetz. Wir sind gespannt. Reinhard Merkel