Das Deutsche Reich wollte schon vor der Zeit des Hitler-Regimes Europa unterjochen

Von Wolfgang Zank

Immer wieder zog der deutsche Außenminister, ein Liberaler, den Zorn aller politisch Rechten auf sich. Besonders sein Grundsatz, die polnische Westgrenze könne nur mit Zustimmung aller Beteiligten Minister werden, rief im nationalen Lager einen Proteststurm hervor. Nüchtern machte der Minister jedoch seinen Kritikern klar, daß Deutschland mit Gewalt nichts mehr erreichen könne: "Ich glaube, die Benutzung weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, um mit dem einzigen, womit wir noch Großmacht sind, mit unserer Wirtschaftsmacht, Außenpolitik zu machen, ist die Aufgabe, die heute jeder Außenminister zu lösen hätte." Und: "Das einzige, worin wir noch oder sind, ist unsere Wirtschaft. Mit ihr können wir anderen Ländern Freundlichkeiten erweisen oder feindlich gegen sie vorgehen."

All dies wurde vor 65 Jahren gesagt. Der Minister hieß Gustav Stresemann, Vorsitzender der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP), 1923 kurzzeitig Reichskanzler und von 1923 bis 1929 Reichsaußenminister.

Die Not Polens verschärft

Im Oktober 1925 unterschrieb Stresemann den von der Rechten heftig angefeindeten Vertrag von Locarno; Deutschland akzeptierte darin die 1919 in Versailles gezogenen Grenzen gegenüber Frankreich und Belgien, Frankreich verpflichtete sich im Gegenzug, 1930 das besetzte Rheinland zu räumen. Stresemann glaubte, daß Deutschland nur bei völliger Respektierung französischer Sicherheitsinteressen in den Kreis der Großmächte zurückkehren könne.

Gegenüber Polen verfuhr er dagegen ganz anders. Als die Bank von England im April 1926 anfragte, ob Deutschland bereit sei, sich an einer Aktion zur Stabilisierung des Zloty zu beteiligen, wies Stresemann den deutschen Botschafter in London an, wenn möglich "eine endgültige und dauerhafte Sanierung Polens so lange hinauszuschieben, bis das Land für eine unseren Wünschen entsprechende Regelung der Grenzfrage reif und bis unsere politische Machtstellung genügend gekräftigt ist". Die Grenzfrage sei nicht zu lösen, "ohne daß die wirtschaftliche und politische Notlage Polens den äußersten Grad erreicht und den gesamten polnischen Staatskörper in einen Zustand der Ohnmacht gebracht hat."

Mehr noch – Stresemann verschärfte die Not Polens gezielt: Ermutigt durch zunehmende Schwierigkeiten des östlichen Nachbarn, ließ er im Juni 1925 die deutsch-polnischen Zollverhandlungen abbrechen und eröffnete den Zollkrieg. Vor allem hohe Einfuhrzölle auf Kohle machten den Zechen Polens schwer zu schaffen, denn Deutschland war ihr wichtigster Markt. Die Wirtschaftskrise verschärfte in Polen den erbitterten Streit zwischen Sozialisten und Nationaldemokratie; alles schien dort "immer mehr zum Bürgerkrieg zu drängen", bilanzierte Stresemann auf einer Geheimbesprechung im November 1925.

Dennoch ging Stresemanns Konzept nicht ganz auf. Die Polen bekamen ihre Wirtschaftsprobleme einigermaßen in den Griff, die Lage entspannte sich, und zu einem irgendwie gearteten Verkauf ihrer neuen Westgebiete zeigten die Polen nicht die geringste Neigung.

Im Kern hatte Stresemann allerdings völlig recht: Trotz der Gebietsverluste nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland immer noch eine Wirtschaftsgroßmacht. Die Bevölkerung des Reiches zählte 65 Millionen Menschen. Frankreich oder Großbritannien brachten es jeweils nur auf etwa zwei Drittel dieser Größe. Die deutschen Hochöfen an Ruhr, Saar und in Oberschlesien erzeugten jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Roheisen – rund viermal soviel wie die Sowjetunion, doppelt soviel wie Großbritannien und immerhin noch ein Viertel mehr als Frankreich. Mit mehr als sechzehn Millionen Tonnen war die deutsche Stahlproduktion doppelt so hoch wie die Frankreichs oder Großbritanniens.

Vor allem in Berlin, in Sachsen und Thüringen sowie im Südwesten verfügte Deutschland über viele leistungsstarke Unternehmen in den Branchen Elektrotechnik, Feinmechanik/Optik und Maschinenbau. Die Steinkohle an der Ruhr, der Saar und in Oberschlesien sowie die Braunkohlefelder Mitteldeutschlands und im Rheinland sicherten der deutschen Industrie eine stabile Energiebasis und lieferten der aufstrebenden Chemiewirtschaft ihre Rohstoffe. Gerade in den jungen, dynamischen Industriezweigen wie Elektrotechnik oder Chemie galten die deutschen Unternehmen im internationalen Vergleich als ungewöhnlich konkurrenzkräftig.

Der Außenhandel hatte sich in den zwanziger Jahren noch nicht wieder vom Krieg erholt, doch die Ausfuhr machte bereits wieder siebzehn Prozent des Volkseinkommens aus. Der Anschluß an die goldenen Zeiten von vor 1914 schien wieder in Reichweite zu liegen. Damals war das Reich in der Welthandelsstatistik auf den zweiten Platz vorgerückt, übertroffen nur noch von Großbritannien.

Als Stresemann seine Konzeption zum Einsatz des deutschen Wirtschaftspotentials als Mittel der Außenpolitik entwickelte, dachte er hauptsächlich an Deutschlands Bedeutung als Importland. Am wichtigsten war dabei zunächst die Abhängigkeit der französischen Erz- und Roheisenprodukte vom deutschen Markt. Auch für die französische Textilindustrie war Deutschland ein wichtiger Kunde. Sobald das Reich am 1. Januar 1925 seine Souveränität in der Handelspolitik wiedererlangte, mußten die Franzosen mit der Möglichkeit empfindlicher Einbußen auf dem deutschen Markt rechnen. "Frankreich kann wirtschaftlich nicht in die Höhe kommen, ohne eine gewisse Zusammenwirkung mit Deutschland auf wirtschaftlichem Gebiet", bilanzierte Stresemann kühl. Auch die schwachen Staaten Ost- und Südosteuropas waren in hohem Maße vom deutschen Markt abhängig.

Ein weiterer Kraftquell für die deutsche Außenpolitik ergab sich aus Deutschlands Position als Schuldner, vor allem gegenüber den USA. "Man kann sehr stark sein als Gläubiger, man kann auch stark sein als Schuldner, man muß nur genug Schulden haben, man muß soviel Schulden haben, daß der Gläubiger seine eigene Existenz mit gefährdet sieht, wenn der Schuldner zusammenbricht." Nicht zuletzt auf dieser Basis sah Stresemann die Möglichkeit freundschaftlicher Beziehungen zu den USA. In der Tat konnte das Reich bei vielen Verhandlungen auf die Rückendeckung der Vereinigten Staaten zählen.

Stresemann konnte mit seiner Politik das Gewicht des Reiches beträchtlich erhöhen, aber dem Ziel einer Revision der deutschen Ostgrenze kam er kaum näher. Zu seinen Lebzeiten (er starb 1929) litt sein Konzept daran, daß innerdeutsche Interessengegensätze eine gezielte Politik erschwerten. Als Stresemann etwa Frankreich in der Frage des Roheisenimports entgegenkommen wollte, stellten sich die Ruhrindustriellen zunächst quer; auf der anderen Seite bekämpften die Landwirte unter Führung der ostelbischen Gutsbesitzer erbittert jeden Versuch, die Barrieren gegen die Agrarexporte aus Ost- und Südeuropa zu senken.

Gezielte Handelspolitik

Viele deutsche Politiker und Wirtschaftskapitäne teilten zwar Stresemanns Konzept des Einsatzes von wirtschaftlicher Macht für außenpolitische Zwecke, seinen Kurs des Interessenausgleiches mit Frankreich lehnten sie aber ab. Sie verlangten eine eindeutige wirtschaftliche Macht- – politik und richteten ihr Augenmerk zunehmend auf Ost- und Südosteuropa. Bereits im Oktober 1927, lange vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, forderte August Heinrichsbauer, politischer Vertrauensmann der Ruhrindustrie, in der Deutschen Bergwerkszeitung, "mit Hilfe der deutschen Wirtschaft zu versuchen, die Oststaaten (von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer) kulturell und wirtschaftlich in die deutsche Einflußsphäre einzubeziehen."

Vor allem die Schwerindustrie setzte von 1928/29 an auf das Konzept eines "Mitteleuropas" unter deutscher Führung. Max Schlenker, leitender Funktionär des "Vereins zur Wahrung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen im Rheinland und Westfalen" (Langnam-Verein) skizzierte Ende 1929 in einem Exposé für den Verbandsvorsitzenden Paul Reusch (Gutehoffnungshütte) eine entsprechende Strategie: Könnte man die zehn Zwischenstaaten von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer mit ihren 85 Millionen Menschen in einem einheitlichen Zollgebiet mit dem Deutschen Reich zusammenfassen, so "würde ein Wirtschaftsgebiet entstehen, dessen Bevölkerung zahlenmäßig höher und wesentlich dichter besiedelt wäre als die Bevölkerung der Vereinigten Staaten".

Vor allem durch den gezielten Einsatz der Handelspolitik sei dieses Ziel zu erreichen: Gefügigen Staaten könne man durch Öffnung des Marktes entgegenkommen, renitente Staaten durch zeitweiligen Ausschluß zum Umdenken bewegen. Schlenker resümierte: "Der vorgeschlagene Weg ist langsam und mühselig... Die große Zahl kleinerer und mittlerer Staaten erfordert eine Fülle von Einzelverhandlungen, erlaubt aber auch, den einen gegen den anderen auszuspielen."

Dieser Kurs war in Industriekreisen zunächst nicht unumstritten. Insbesondere die stärker exportorientierten Kreise plädierten dafür, Frankreich in dieses zollpolitische Mitteleuropa mit einzubeziehen: "Erst ein geschlossener Wirtschaftsblock von Bordeaux bis Odessa wird Europa das wirtschaftliche Rückgrat geben, dessen es zur Behauptung seiner Bedeutung in der Welt bedarf", erklärte Carl Duisberg von den I.G. Farben. Diese Konzeption verlor jedoch von 1930 an zunehmend an Boden; Frankreich sollte nicht mehr als Partner gewonnen, sondern aus dem von Deutschland beherrschten Mitteleuropa ausgeschlossen werden.

Leitstern "Großwirtschaftsraum"

Bei den "Mitteleuropa"-Plänen konnten die Industriellen praktisch nahtlos an Konzepte anknüpfen, die bereits vor dem und während des Ersten Weltkriegs entwickelt wurden. Am 9. September 1914, die deutschen Truppen standen vor Paris, der Sieg schien in Reichweite zu liegen, formulierte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg als Ziel: "Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen ... Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren."

Diese Zollunion bildete den Kern von Bethmann Hollwegs "September-Programm". Im Gegensatz zu den ausufernden Annexionsforderungen (die damals auch von Stresemann vertreten wurden) bevorzugte Bethmann Hollweg damit eine flexiblere, unauffälligere Form der Sicherung der deutschen Vorherrschaft auf dem Kontinent. Die geistigen Väter dieses Konzeptes waren vor allem der AEG-Aufsichtsratsvorsitzende Walther Rathenau und der Direktor der Deutschen Bank, Arthur von Gwinner.

Nach der Niederlage 1918 mußten diese Konzepte zunächst einmal zu den Akten gelegt werden, doch der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 trug erheblich dazu bei, ihnen in modifizierter Form zum Durchbruch zu verhelfen: Der internationale Handel brach weitgehend zusammen, und die deutsche Industrieproduktion sank vor allem wegen des Ausfalls der Exportmärkte von 1928 bis 1932 um 43 Prozent. Ideen wie Freihandel, internationale Arbeitsteilung und weltwirtschaftliche Verflechtung schienen gescheitert; liberale Ökonomen, Politiker und Wirtschaftsführer fielen reihenweise um. Die Idee eines in sich genügsamen, "autarken", gegen die Turbulenzen der Weltwirtschaft abgeschotteten "Großwirtschaftsraumes" wurde für viele zum wirtschaftspolitischen Leitstern.

Die Anhänger des Konzeptes der "Großraumwirtschaft" hatten verschiedene Auffassungen. Der Publizist Giselher Wirsing, Mitglied des einflußreichen konservativen "Tat"-Kreises, setzte sich 1930 für eine enge Verbindung mit Österreich, den drei baltischen Staaten, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien ein. Hans Zehrer, ebenfalls Mitglied des Tat-Kreises (und nach dem Krieg Chefredakteur der Welt, machte sich bereits Gedanken auf der Grundlage "geopolitischen Raumdenkens" und forderte als erste Schritte "zunächst die planwirtschaftliche, staatskapitalistische, autoritäre Einrichtung Deutschlands im Inneren und die u.a. wirtschaftlich bedingt kompromißlose außenpolitische Umorientierung nach Osten und Südosten". Ferdinand Friedrich Zimmermann, auch er Mitglied des Tat-Kreises, plädierte dafür, den ost- und südosteuropäischen Raum unter Einschluß Griechenlands zusammenzufassen, bei möglichst engen Verbindungen zur Türkei und den Iran. Im Westen hoffte Zimmermann auf den Anschluß Belgiens und Hollands, im Norden auf die skandinavischen und baltischen Länder; der Raum könnte "schließlich im Osten an Rußland seinen gewaltigen wirtschaftlichen Rückhalt" finden.

Spätestens 1930 schwenkte auch das Auswärtige Amt stillschweigend auf die neue Linie ein. Die Zukunft Deutschlands liege "nur im Osten und im Südosten", schrieb der neue Staatssekretär Bernhard Wilhelm von Bülow. Den Worten folgten bald Taten: Im März 1931 wurde das Projekt einer Zollunion zwischen Deutschland und Österreich publik – ein Paukenschlag auf diplomatischer Bühne, Österreich galt als Tor zum Donauraum. Vor allem am massiven Widerstand Frankreichs scheiterte das Projekt zunächst. Dafür konnte Deutschland in einem neuen Handelsvertrag mit Rumänien vom 27. Juni 1931 in einem geheimen Zusatzabkommen erstmals Getreidepräferenzen vereinbaren; mit Ungarn wurde drei Wochen später eine ähnliche Abmachung getroffen. Und am 15. Juli 1931 führte Reichskanzler Heinrich Brüning die Devisenzwangswirtschaft ein. Nach außen wurde dies mit dem Schutz der Devisenreserven begründet. Gleichzeitig bekam die Regierung damit aber einen Hebel in die Hand, um die Außenhandelsströme Deutschlands zu steuern. Unerwünschter Handel konnte geräuschlos durch Verweigerung der nötigen Devisen gedrosselt, politisch erwünschte Im- und Exporte systematisch gefördert werden.

Zu dieser Zeit – 1931 – war die stürmisch voranschreitende NSDAP auf der Suche nach einem Wirtschaftsprogramm. Die modischen Konzepte von "Autarkie" und "Großraumwirtschaft" kamen da wie gerufen. Ohne Bedenken konnten die Nazis sie übernehmen, formten sie dabei allerdings etwas um: Der autarke Großraum blieb nicht Ziel an sich, sondern wurde zum Ausgangspunkt militärischer Gewaltpolitik. Das zukünftige Großdeutschland sollte über eine blockadesichere ökonomische Basis verfügen. Das bedeutete, daß man nach Möglichkeit alles innerhalb der Landesgrenzen produzieren sollte. Und wo dies nicht möglich war, da benötigte man eben Liefergebiete in Reichweite der deutschen Waffen. Außerdem verknüpften die Nazis die Idee des Großwirtschaftsraums mit ihrem rassisch-biologischen Konzept des "Lebensraumes".

Obwohl man also mit "Großraumwirtschaft" nicht ganz dasselbe meinte, konnte diese Idee für lange Jahre die konservativen Eliten in Wirtschaft und Staatsapparat mit den Nationalsozialisten vereinen. Nicht zuletzt wegen ihrer außenwirtschaftlichen Vorstellungen gelang es den Nazis 1932, die Skepsis in Industriellenkreisen zu überwinden, die ihnen zunächst entgegengeschlagen war. Im November 1932 tagte in Düsseldorf der Langnam-Verein, und es ergab sich "die überraschende Tatsache, daß fast die ganze Industrie die Berufung Hitlers, gleichgültig unter welchen Umständen" wünschte, wie der Leiter eines von den Industriellen Flick und Wolff finanzierten Pressebüros am 16. November 1932 mitteilte.

Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, änderte sich an der deutschen Außenwirtschaftspolitik zunächst wenig; dafür sorgte die personelle Kontinuität in der deutschen Wirtschaftsbürokratie und die seit langem eingespielte Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt. Außenminister war von 1932 bis 1938 der Deutschnationale Konstantin von Neurath, Staatssekretär von 1930 bis 1936 der schon zitierte von Bülow. Die wichtige Handelspolitische Abteilung leitete von 1924 bis 1937 Karl Ritter, der wiederum eng mit Hans Posse zusammenarbeitete, seit 1924 Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium (von 1933 an Staatssekretär) und dort verantwortlich für die Handelspolitik.

In einem Punkt konnten die Nazis die Arbeit der "Großraumstrategen" erheblich erleichtern: Spätestens mit der Errichtung des "Reichsnährstandes" im September 1933 hatte das Regime die Landwirtschaft politisch fest im Griff. Der Agrarsektor wurde danach zwar als Lebensborn der Nation propagandistisch überhöht, aber als Störfaktor der Zollpolitik war er nun ausgeschaltet. Ohne auf nennenswerte innenpolitische Widerstände zu stoßen, konnte das Regime nun nach Belieben den deutschen Markt für Agrarimporte öffnen.

Boomende Rüstungskonjunktur

Von entscheidender Bedeutung wurde das beim Aufbrechen der sogenannten Kleinen Entente, des an Frankreich angelehnten Bündnisses zwischen der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien. "Unsere Politik gegenüber der Kleinen Entente wird sich zum Ziele setzen müssen, ihre Bindung an Frankreich möglichst zu lockern und insbesondere auch die Tschechoslowakei von einer allzu engen Anlehnung an Polen abzuhalten", schrieb Staatssekretär von Bülow im März 1933. "Das beste Mittel hierfür wäre zweifellos eine Wirtschaftspolitik, die den deutschen Absatzmarkt für die Produkte dieser Länder öffnet. Vor allem Jugoslawien und Rumänien könnten bei ihrer heutigen katastrophalen Wirtschaftslage auf diesem Wege in der Richtung ihrer Außenpolitik maßgeblich beeinflußt werden."

In diesem Sinne verfuhr man etwa bei dem im Mai 1934 unterzeichneten Handelsabkommen mit Jugoslawien: Der gegenseitige Handel wurde über eine Clearingstelle abgerechnet, Devisen waren nicht mehr nötig. In einem geheimen Zusatzabkommen sicherte Deutschland den Absatz der wichtigsten jugoslawischen Überschußprodukte wie Pflaumen, Eier, Apfel, Weizen und Mais. Die deutschen Konzessionen waren nach Auffassung des Auswärtigen Amtes geeignet, "erforderlichenfalls einen entsprechenden Druck auf Jugoslawien auszuüben".

Mit seinem "Neuen Plan" stellte Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister in einer Person, im September 1934 die deutsche Wirtschaftspolitik auf eine systematische Grundlage. Wo irgend möglich, waren "unnötige" Importe durch deutsche Produktion zu ersetzen. Nur Waren, die beim besten Willen nicht im Reich produziert werden konnten, oder politisch gewünschte Importe sollten über die Grenzen gelassen werden. Der Außenhandel sollte grundsätzlich bilateralisiert werden und war nach Möglichkeit über Clearing-Abkommen devisenfrei abzuwickeln.

Die Clearing-Abkommen wirkten vor allem in Südosteuropa als "Saugpumpen" für den deutschen Export: Die deutsche Wirtschaft boomte in der Rüstungskonjunktur, und die deutschen Importe stiegen zunächst steil an. Um den Warenhandel in Balance zu bringen, waren die südosteuropäischen Staaten nun wohl oder übel gezwungen, mehr als ursprünglich geplant in Deutschland einzukaufen – auf Kosten etwa französischer Lieferanten.

Rasant wachsendes Kraftfeld

Schon 1937 nahm das Reich 47 Prozent der bulgarischen, 41 Prozent der ungarischen, 35 Prozent der jugoslawischen, 32 Prozent der griechischen und 27 Prozent der rumänischen Exporte auf. Diese Zahlen stiegen bis Kriegsausbruch noch weiter. In den Augen der deutschen Wehrwirtschaftsplaner waren insbesondere Öl aus Rumänien und Bauxit aus Ungarn und Jugoslawien wichtig; fast die gesamte Bauxitausfuhr dieser Länder wurde nach Deutschland verfrachtet. Ein jugoslawischer Ökonom stellte 1939 fest, man habe sich im Handel mit Deutschland schon "zu sehr engagiert, um gegenüber Deutschland noch eine andere Wirtschaftspolitik ... ohne Erschütterung" der jugoslawischen Wirtschaft betreiben zu können.

Auch die Staaten Nord- und Nordosteuropas gerieten zunehmend in das Kraftfeld der rasant wachsenden deutschen Wirtschaft. Zeitgenossen sprachen schon damals von einem "Wirtschaftswunder". Fast drei Viertel der schwedischen Eisenerzexporte wurden nach Deutschland verschifft. Die baltischen Staaten waren die wichtigsten Lieferanten von Kalbfellen (einer besonderen Mangelware), von Flachs und von Butter. Das estische Phosphoritvorkommen war das "einzige für Deutschland unmittelbar zugängliche", wie die I.G. Farben vermerkten. Die Kriegsmarine schloß bereits 1935 einen langfristigen Ölliefervertrag mit Estland.

Karl Ritter war vielleicht der Mann, der am zielstrebigsten von allen auf die Schaffung des Großwirtschaftsraumes hingearbeitet hatte. Schon unter Stresemann leitete er die Handelspolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes, und 1937 wurde er Leiter der Wirtschaftsabteilung. Im Juni 1940 notierte er: "Jetzt zeichnet sich für die Zukunft die Möglichkeit eines Wirtschaftsraumes unter deutscher Führung ab. Diesem Raum gehören an:

1. Großdeutschland (mit Böhmen und Mähren und Polen) als wirtschaftliches und politisches Zentrum.

2. Ihm sind einzugliedern Holland, Belgien, Luxemburg, Dänemark, Norwegen in einer wirtschaftspolitischen Form, die noch zu entscheiden ist ...

3. Dem Großwirtschaftsraum sind bereits angegliedert, wenn auch nicht in einer besonderen wirtschaftspolitischen Form, so doch tatsächlich, die Länder im Donauraum ...

4. Die übrigen Staaten im nordischen Raum: Schweden, Finnland, Litauen, Lettland, Estland sind in einer ähnlichen Weise wie der Donauraum stärker anzugliedern. Mit den drei baltischen Staaten ist dies durch die kürzlichen Verträge bereits geschehen. Diese Verträge sichern Großdeutschland bereits eine ausschlaggebende wirtschaftliche Vormachtstellung."

Es sah so aus, als sei man am Ziel.