Von Manfred Sack

Träumt man? Ist das von 1930? Nicht wenige der Briefe, die Albert Einstein damals verschickt hat, lesen sich, als wären sie heute geschrieben. Nehmen wir den Paragraphen 218. "Abtreibung bis zu einem gewissen Stadium der Schwangerschaft", bekennt er 1929, "soll auf Wunsch der Frau erlaubt sein." Homosexualität? "Sollte bis auf den notwendigen Schutz Jugendlicher straffrei sein." Sexualerziehung? "Keine Geheimniskrämerei

Oder nehmen wir Israel. "Ich bin kein Nationalist und wünsche keine Benachteilung der Araber in Palästina." Ja, hätte er nur gestern oder vorgestern die Nachrichten hören können! Und den Hohn, der sich heute von dorther über seinen Vorschlag von 1930 ergossen hätte: "Ich glaube, dass diese Schwierigkeiten mehr psychologischer als sachlicher Natur sind und dass sie gelöst werden können, wenn auf beiden Seiten ehrlicher Wille mitgebracht wird." Ehrlicher Wille! "Unsere jetzige Situation ist dadurch eine so ungünstige, weil Juden und Araber als streitende Parteien einander vor der Mandatmacht" – wir brauchen nur zu korrigieren: vor der Uno – "gegenüberstehen. Dieser Zustand ist beider Nationen unwürdig und kann nur dadurch geändert werden, dass wir unter uns einen Weg finden" – unter uns! – "zu Vorschlägen, auf die sich beide Parteien geeinigt haben." Einstein notierte auch, wie es sich denken ließe: mit Hilfe eines geheimen Rates, in den beide Völker je einen (von den Berufsgruppen zu wählenden) Arzt, einen Juristen, einen Arbeitervertreter, einen Geistlichen entsenden sollten und der wöchentlich zu tagen hätte. Guter Einstein!

Diese bemerkenswerten Briefe machen, zusammen mit dokumentarischen Äußerungen von Zeitgenossen, etwa die Hälfte, die zweite Hälfte eines eigenwilligen Buches aus, das Auskunft über den berühmtesten aller Nobelpreisträger gibt, über den Physiker Albert Einstein, den "Messias unseres Jahrhunderts", dessen Relativitätstheorie "lange Zeit Gesprächsstoff Nummer eins" und "als neue Heilslehre" gefeiert war – Zitate, die sich in der ersten Hälfte des Buches finden. Es ist die Monographie eines Holzhauses, eine Monographie in Form eines Interviews mit seinem Architekten Konrad Wachsmann über den Bauherrn Einstein.

Sie kam zustande, als die weiland Deutsche Demokratische Republik im Frühling 1979 den hundertsten Geburtstag Einsteins feierte und dazu den (unter Eingeweihten) berühmten Wachsmann aus Los Angeles nach Berlin lud, denn der hat dem Physiker das "Häusle" im Dorf Caputh westlich von Potsdam entworfen und gebaut. Das Institut für Denkmalpflege hatte es restauriert, jetzt war es der Akademie der Wissenschaften als Gästehaus zugeschlagen worden. Michael Grüning, ein Ostberliner Journalist, nahm damals die Gelegenheit beim Schopf und brachte den Architekten zum Sprechen. Anfangs versuchte der ihn abzuwimmeln, schließlich gab er nach und gab ihm an fünf Tagen und in fünf Nächten – im Auto, im Zug, im Hotel auf der Bettkante, im Café – Auskunft, erstens über sich selber, woraus das Buch "Der Architekt Konrad Wachsmann" (ZEIT Nr. 46/1986) entstand, zweitens über Albert Einstein und sein Haus, das nun sein neues Buch abgibt, ein mitteilungsfreudiges, unterhaltsames Buch mit dem Titel "Ein Haus für Albert Einstein".

Es ist allein diesem tollkühnen Dauer-Interview zu danken, einer insistierenden, unermüdlich nachhakenden, unerbittlich, ja besessen bis ins einzelne dringenden, Erinnerungen geradezu provozierenden, wenn nicht erzwingenden Befragung. Und so hat dieses Buch drei Helden: den gut informierten, nicht lockerlassenden Frager Grüning; den sich erinnernden Architekten, oder: den Erzähler Konrad Wachsmann (1901 bis 1980), der zeitweilig ein Gefolgsmann von Walter Gropius war; und Albert Einstein, um den sich alles dreht, genauer: um sein schönes, einfaches, braun gestrichenes Haus unweit den Havelseen.

Wachsmann war zeitlebens mehr ein Konstruktionsgenie als ein Architekt. "Das Wort ‚Bauen‘", fand er, "sollte aus dem Vokabularium verschwinden und ersetzt werden durch ein Wort, das den Begriff der Montage beschreibt, das heißt die Kunst des Fügens oder besser ‚Die Kunst der Fuge‘. Das organische, logische Design wird dominieren." So war es im Vorwort zu einer Ausstellung zu lesen, die ihm 1980 in Stuttgart gewidmet worden war. Dieses Nebeneinander von Wörtern wie "organisch" und "logisch", von "Kunst" und "Montage" war charakteristisch für den Architekten Wachsmann, den es als gelernten Tischler anfangs wie selbstverständlich zum Holzhausbau, zum Konstruieren mit Holz gezogen hatte.