Morde in der Palästinenserführung

Der zweite Mann in der PLO-Führung, Salah Khalef, besser bekannt unter seinem Kriegsnamen Abu Ijad, und der Sicherheitschef der Organisation, Abu Haul, diskutierten in der Nacht auf Dienstag Auswege aus der Golfkrise. Als sie nach Mitternacht das Haus Abu Hauls in Tunis verließen, wurden sie von Schüssen eines Attentäters aus den eigenen Reihen niedergestreckt. Wenige Stunden danach nahm die tunesische Polizei den Mörder fest. Doch die Hintermänner bleiben im Dunkeln. An Anschuldigungen mangelt es nicht: Wie üblich wurde erst einmal der israelische Geheimdienst Mossad hinter dem Anschlag vermutet; ihm wird auch die Ermordung der damaligen Nummer zwei der PLO, Abu Jihad, 1988 und ebenfalls in Tunis, zur Last gelegt. Doch diesmal, als gerade das Ultimatum gegen den Irak ablief, läßt sich schwerlich israelisches Kalkül erkennen: Jerusalem müht sich seit Wochen, den jüdischen Staat aus der Golfkrise herauszuhalten. Verteidigungsminister Arens dementierte denn auch sogleich eine israelische Verwicklung. Selbst aus PLO-Kreisen wurde schon am Dienstag nur noch halbherzig gegen Israel gewettert. Eher könnte Saddam Hussein die Fäden zum dreifachen Mord – neben den beiden Politikern wurde auch ein PLO-Leibwächter erschossen – gezogen haben. Er will die Kuwaitkrise mit dem Palästinenserproblem verknüpfen. Er ist jedenfalls der einzige unmittelbare Nutznießer der Mordtat: Gleich nachdem sie bekannt geworden war, verhängte die israelische Regierung eine Ausgangssperre in den besetzten Gebieten. Sie konnte aber ein Aufflammen der Intifada nach Trauerkundgebungen nicht verhindern. Die Möglichkeit, auf gewalttätige Palästinensergruppen einzuwirken, steht keinem so offen wie dem Diktator in Bagdad. Am Tigris sind derzeit über 1400 der schlimmst-berüchtigten Terroristen der Welt versammelt. Sowohl der palästinensische Fatah-Revolutionsrat von Abu Nidal als auch Abu Abbas’ Palästinensische Befreiungsfront oder die Organisation 1. Mai operieren von hier aus. PLO-Chef Jassir Arafat hielt sich zum Wochenbeginn im "heimlichen PLO-Hauptquartier Bagdad" auf; es wurde gar spekuliert, Saddam halte den PLO-Chef als eine Art "Edelgeisel", um die PLO-Bombenlegertrupps in aller Welt lenken zu können. Arafat und Abu Nidal trennt freilich eine alte Fehde. Dies und die in den vergangenen Wochen deutlich gewordene Zerstrittenheit der Palästinenserführung nährt den Verdacht, PLO-interne Kreise hätten die Wirbel der Golfkrise benutzt, um alte Rechnungen zu begleichen oder neue Machtansprüche durchzusetzen. Jedenfalls ist mit der Ermordung Abu Ijads und Abu Hauls die Luft in der PLO-Führungsetage dünn geworden.

Für Arafat war Abu Ijad, wiewohl auch ein Rivale, eine wichtige Stütze. Der Mann, der wegen seines Wirkens im Verborgenen und seiner Widersprüchlichkeit auch als "der schwarze Prinz" bekannt war, erledigte die schmutzigen Geschäfte, während der Vorsitzende Arafat auf der Weltbühne als Salondiplomat auftrat. Der 1933 im heute israelischen Jaffa geborene Sohn eines Lebensmittelhändlers wuchs im Gazastreifen auf, studierte später in Kairo Philosophie und gehörte Ende der fünfziger Jahre in Kuwait mit Arafat zu den Gründern der Fatah-Bewegung in der PLO. Lange Jahre war er Geheimdienst- und Sicherheitschef der Bewegung; er gilt als Mitbegründer und Anführer der Terrorgruppe Schwarzer September. Sie hat den Anschlag auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972 in München unternommen.

Abu Ijad war auch Miterfinder der Intifada und als Arafats graue Eminenz und rechte Hand des Meisters Chefhandlanger für geheime (Mord-)Missionen. Seit einiger Zeit gab sich der füllige PLO-Falke zwar als gesetzter Bourgeois; er verzichtete auf ein "Keffieh" (Arafats zum Markenzeichen gewordene Schärpe) und trug auch keine Waffe mehr im Gürtel. Die ägyptische Nachrichtenagentur Mena würdigte ihn sogar als Verfechter von "Legitimität, Koexistenz und Selbstbestimmung", obschon das Nil-Land der PLO sonst eher kritisch gegenübersteht. Dem Kampf "um die nationale Sache auf dem Weg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens" sei sein Leben gewidmet gewesen. Wie Arafat verstand es auch Abu Ijad, seine Rhetorik vielzüngig dem Publikum anzupassen. Vor den Vereinten Nationen und im Westen redete er der Versöhnung mit Israel das Wort; arabische Medien dokumentieren indes seine harte Linie. Sein Wunsch, die "Israelis ins Meer zurückzuwerfen", gehört ebenso dazu wie die Bemerkung im arabischen Radio Monte Carlo: "Wir haben den Verzicht auf den Terrorismus nie als Aufhebung militärischer Operationen interpretiert" oder – in einem Gespräch mit der kuwaitischen Gazette Al-Watan: "Es gibt keine PLO-Anerkennung Israels, weder in den Beschlüssen des Nationalrates von Algier, noch in Arafats UN-Rede in Genf." Dem Traum von einem großen Palästina hat er nie abgeschworen.

Seine Hoffnung, dessen Verwirklichung noch zu erleben, trog. Doch wie immer der Konflikt am Golf ausgehen wird, die Chancen stehen gut, daß der Druck für eine internationale Nahostkonferenz zum Palästinenserproblem wächst. Ob freilich Jassir Arafat, der alle Eier in Saddams Korb gelegt hat, diese auf palästinensischer Seite wird führen können, ist ungewiß. Ein Untergang des irakischen Führers risse wohl auch ihn mit. Bereits seit Wochen wurde deshalb hinter den Kulissen von einer möglichen Ablösung durch Abu Ijad gemunkelt. Der steht nun nicht mehr zur Verfügung. Die Umarmung Saddams, in die sich Arafat freiwillig begeben hat und die für den PLO-Chef politisch tödlich werden könnte, hat womöglich seinem Ersatzmann das Überleben verwehrt. Fredy Gsteiger