Dabei war Gramsci eben kein linker Goebbels, kein Gehirnwäscher, sondern einer, der den Kompromiß suchte: "Die Tatsache der Hegemonie" – schrieb er – "setzt unzweifelhaft voraus, daß den Interessen und Tendenzen, der Gruppen, über welche die Hegemonie ausgeübt wird, Rechnung getragen wird, daß ein gewisses Gleichgewicht des Kompromisses entsteht." Auch diese Erkenntnis ist bei der durchschnittlichen linken Publizistik noch keineswegs populär. Sie bedeutet, auf deutsche Verhältnisse übertragen, daß die Partei Björn Engholms sich künftig weniger mit der eigenen Beschlußlage und dafür mehr mit den ungefilterten Bedürfnissen der Massen auseinandersetzen müßte. Von Gramsci lernen, hieße, den Zeitgeist nicht so sehr in den Leitartikeln der FAZ und den Gedankenflügen der eigenen Spitzenleute zu suchen, sondern in sozusagen "obskuren" Dokumenten: den Romanen Johannes Mario Simmels, den "Werner"-Comics Bröseis, den Liedern von Maffay und Grönemeyer, den Geschichten der Lindenstraße. Was herauskommen könnte, wäre eine Linke mit Bildern, mit einem Sensus für Sinnlichkeit, mit einem gewissen Verständnis für die Grammatik der Yellow Press und der Lebenswelt der Randbelegschaften. Nicht auszudenken!

Eine zweite, gut verwendbare Denkfigur Antonio Gramscis läßt sich mit dem Begriff "historischer Block" bezeichnen. Gramsci entwickelte ihn in der Auseinandersetzung mit den besonderen Problemen des agrarischen Südens in Italien, also am Problem eines Bündnisses von Industrieproletariat und Bauern. Ihm war klar, daß die politische Schicht, die er vertrat, "arm an organisierenden Elementen" war, daß sie "keine eigene Schicht von Intellektuellen" besaß. Also wollte er einen "geschichtlich bestimmten Bruch organischen Charakters" organisieren. Eine "Linksrichtung in modernen Sinne des Wortes" sollte sich "als breite Formation herausbilden". Und bei der Konstruktion dieser "breite(n) Formation" ließ er sich von keinerlei Vorurteilen bestimmen.

Er redete – in einer Zeit, als Kommunisten und Sozialisten streng antiklerikal waren – ohne jede Hemmungen mit strenggläubigen katholischen Wehrdienstverweigerern. Er gehe nicht in die Kirche, sagte er seinen Genossen; aber diese katholischen Kriegsdienstgegner seien ihm viel lieber als bourgeoise Atheisten. Und er war immer auf der Suche nach Bündnissen über die eigene Partei hinaus.

Im April 1921 versuchte er sogar – zweifellos hinter dem Rücken seines dogmatischen Parteiführers Bordiga – mit Gabriele D’Annunzio in Verbindung zu treten, dem großen Kriegshelden und Dichter, der ihm helfen sollte, die entwurzelten Kriegsheimkehrer zu erreichen. Und angesichts der Machtergreifung der Faschisten im Oktober 1922 streckte er Fühler zum Arbeitnehmer-Flügel des Partito Popolare, des Vorgängers der Democrazia Christiana, aus. Das war zu spät; Mussolini übernahm die Macht.

Aber Gramsci hatte jedenfalls eine zentrale Entdeckung gemacht, über die auch die modernen Links-Parteien West- und Mitteleuropas sinnieren sollten: die "zivilen Organismen" als "Befestigungswerke und Kasematten" der bürgerlichen Gesellschaft. Was wissen viele dieser Links-Parteien, so könnte man fragen, von den Vereinen der Ingenieure, den Innungen des Handwerks, den Lions Clubs und den geschickt modernisierten akademischen Verbindungen (und Selbsthilfeorganisationen) der künfigen Wirtschafts-Eliten, zum Beispiel der Studentinnen und Studenten der Betriebswirtschaft? Gramsci zitierte gelegentlich einen Satz aus den Marxschen "Thesen über Feuerbach", nämlich den über den "Erzieher, der selbst erzogen werden muß". Eine nicht zu verachtende Lektion, auch für die aktuelle Politik der Linken, zum Beispiel in der Bundesrepublik.

Auch für das aktuellste Thema der europäischen Politik nach dem mitteleuropäischen Umbruch von 1989, die nationale Frage, kann man bei Gramsci fündig werden. Er ist einerseits ein Mann des Risorgimento, der Einigung des in viele Landschaften und Sprachen zerfallenen italienischen Stiefels samt seiner Inseln. Gramsci kritisierte die literarische Produktion seiner Zeit auf das schärfste; sie sei nicht in einer der zahlreichen "Volkssprachen" verfaßt, sondern in einer Literatursprache, die eine Art Esperanto sei, eine Kunstsprache für die Gebildeten. Und dann kommt der entscheidende Satz, der zeigt, wie eine moderne Linke den Begriff "national" verwenden könnte. Die italienische Literatur sei nicht national, so Gramsci, weil sie nicht volkstümlich sei. Er definiert die Nation also vom Volk her, nicht vom Staat, und kritisiert die "dumme und im Grunde gefährliche Leichtfertigkeit", die darin liege, jeden als antinational zu bezeichnen, der nicht ein "vorsintflutliches und verstaubtes Bild von den Interessen des Landes" habe.

Über Gramscis Versuch, durch die sozialistische Konstruktion einer Nationalsprache das Proletariat sozusagen zum Vollender des Risorgimento zu machen, kann man streiten. Der große Gramsci-Verehrer Pier Paolo Pasolini hat hier seinen Meister an Radikalität übertroffen. Er hielt nicht nur – wie auch Gramsci – die Utopie einer künstlichen Weltsprache für unmenschlich; er verfaßte einzelne seiner Werke auch im Dialekt des Friaul oder im Jargon der römischen Straßen- und Strichjungen und erklärte die Zerstörung dieser Volkssprachen durch den modernen Konsumismus für eine verhängnisvolle "anthropologische Mutation". Wer heute über ein "Europa der Regionen" debattiert, der sollte sie beide lesen: Gramsci und Pasolini.