Von Christian Ankowitsch

Teuflisch, es ist ganz einfach teuflisch", stöhnte der Mann an seinem Schreibtisch und drückte hektisch an den Knöpfen eines kleinen grauen Kästchens. Das Telephon, das seit Minuten vor sich hin dudelte, nahm er einfach nicht zur Kenntnis. Erst nachdem das Gerät ein paar traurige Schlußakkorde von sich gegeben hatte, hob er den Kopf, wischte sich die Handflächen an den Oberschenkeln ab und meinte: "Was heißt teuflisch. Das Ding ist der Teufel selbst." Keine Woche später sollte er mit diesem Ding, das er ständig bei sich trug, eine Nacht im Büro verbringen. Der Portier hatte den Nachzügler, der alles um sich herum vergessen hatte, übersehen und eingesperrt.

Der "Teufel" hört auf den Namen Game Boy und ist ein tragbares Videospiel-Gerät mit einem zirka 4,5 mal 4,5 Zentimeter großen schwarzweißen Flüssigkristall-Bildschirm. In der Grundausstattung ist dort der Spielklassiker Tetris zu sehen, von dem viele Süchtige berichten, daß seine seltsamen fallenden Klötzchen sie bis in den Traum hinein verfolgen. Nintendo, der japanische Hersteller des Geräts, bietet aber noch rund ein Dutzend Steckmodule mit anderen Spielen an. In diesem Jahr sollen acht weitere folgen.

Der Game Boy gehört zu einer neuen Generation von Spielcomputern, und er hat am Markt – nicht nur bei Kindern – derzeit einen fast unerklärlichen Erfolg, alle Konkurrenten weit hinter sich lassend. Seit August letzten Jahres, als der Game Boy europaweit auf den Markt kam, investierte der Hersteller allein in Deutschland in die Vermarktung des Geräts fünfzehn Millionen Mark und verkaufte mehr als 400 000 Stück davon, das Gros vor Weihnachten. Das seien über neunzig Prozent des deutschen Marktes für tragbare Videospiele, sagt Klaus Judt, Marketing-Manager der deutschen Niederlassung, deren Umsatz sich von zwanzig Millionen Mark 1989 auf über neunzig Millionen im vergangenen Jahr erhöht hat.

Der Game Boy steuert fast genau die Hälfte dieses Umsatzes bei. Die andere Hälfte teilen sich die Spielmodule und der NES (Nintendo Entertainment System) genannte Klassiker des Unternehmens, eine Videokonsole, die seit Jahren auf der ganzen Welt Riesenumsätze macht. Für 1991 rechnet Klaus Judt mit 1 000 000 Game-Boy- und 430 000 NES-Besitzern in Deutschland, was einer "Haushaltspenetration" von 8 bis 10 Prozent entsprechen würde – in Japan sind es schon 40 Prozent, in den USA 29. Gelingt das, so wird der Umsatz hierzulande dieses Jahr bei 200 Millionen Mark liegen; die Firma hofft, damit zum größten deutschen Spielzeugverkäufer aufzusteigen.

Die Prognosen sind nicht unbegründet. Nintendo agiert auf dem Weltmarkt wie ein "Beinahe-Monopolist" – so nannte das jedenfalls der Economist. Der Umsatz des Unternehmens betrug im vergangenen Jahr in den USA fünf Milliarden Mark, der Marktanteil nach eigenen Angaben 93 Prozent – es folgen die Konkurrenten Sega mit 3,8, NEC mit 1,3 und die US-Firma Atari mit 1,1 Prozent.

Dabei sind deren Produkte alles andere als minderwertig. Sega ließ sich in einer deutschen Untersuchung bestätigen, man gelte als Hersteller hochwertiger Geräte, während Nintendo eher Anfänger und weniger anspruchsvolle Spieler bediene. Und von dem tragbaren Lynx der Firma Atari zeigte sich die Fachzeitschrift Power Play begeistert; sie schrieb, der Farbbildschirm des Lynx steche jenen des Game Boy klar aus, und ein neuer 3-D-Chip ermögliche "atemberaubende optische Effekte".