Die ungeheuren Kosten für die alliierten Besatzer erzürnten die Westdeutschen. Aber durften sie auch über ihren Zorn schreiben?

Man sah den stern zwei Wochen nicht. Es waren von Westen Wolken heraufgezogen, und der Osten – wenn wir diesmal den ostzonalen Zeitungen glauben wollen – freute sich sehr. Der stern hatte über Besatzungskosten und deren Verwendung geschrieben und Bilder dazu gezeigt; jene Alliierten in Deutschland, die es betraf, sorgten dafür, daß der stern verboten wurde. "Ein mutiges Blatt, diese Illustrierte", so lobten die Ostzonalen. Und: "Da seht ihr, Genossen, was die vielgerühmte westliche Pressefreiheit auf sich hat." Tatsache war leider, daß nicht etwa die horrenden Kosten für durchaus unmilitärischen Komfort dementiert wurden. Tatsache war, daß der stern deshalb für vierzehn Tage straf-verboten wurde, weil er das Ansehen einer Besatzungsmacht herabgesetzt hatte. Kann die Wahrheit herabsetzend sein? Natürlich. Doch nie für den, der sie spricht, sondern für den, den sie trifft

Tatsächlich: wenn der stern verboten wurde, obwohl er die Wahrheit nicht getrübt hatte, dann war das Verbot, das die Ostzonalen so entzückte, ein Schlag gegen jene Pressefreiheit, die eines der höchsten demokratischen Güter ist. Aber wie verhielten sich die westdeutschen Zeitungen? Tobten sie? Erklärten sie sich solidarisch? Mitnichten. Sie hielten still. Eine Illustrierte aus Süddeutschland witterte sogar eine Chance und schrieb an die Zeitschriftenhändler in dem bewußten Stile: Wenn ihr den stern nicht bekommt, nehmt uns. (Dies Blatt hatte ungefährliche, garantiert verbotsfreie Sachen zu bieten, beispielsweise eine Göring-Betrachtung, gesehen durch die Augen seiner Frau, der plötzlich attestiert wird, sie sei eine hervorragende Schauspielerin gewesen.)

Genug, es sind in Sachen westdeutscher Verteidigung der Pressefreiheit einige Blamagen zu melden, soweit dies nämlich das Verhalten einer gewissen Presse anlangt: sie verhielt sich gar nicht. Anders die Bundestagsabgeordneten. Sie, die oft genug angegriffen wurden durch die Presse, verteidigten in einer Debatte deren Freiheit. Daß dabei vernünftige Worte über die Besatzungskosten gewechselt wurden und insgesamt eine Kritik laut wurde, die hoffentlich ihre Früchte tragen wird, sei ebenso am Rande vermerkt wie eine offizielle englische Äußerung, die eher zustimmend als ablehnend war. Da nun griffen auch die Zeitungen ein.

In einem haben die Abgeordneten uns Journalisten beschämt –: in der Verteidigung unserer Sache, die darin besteht, die Wahrheit zu sagen, auch dann, wenn dies gefährlich ist.

Jan Molitor