Was die Dunkelheit bei meiner Anreise verbarg, zeigt sich bei Tageslicht in aller Deutlichkeit. Aus der alten Residenz und späteren Landeshauptstadt von Anhalt hat sich Dessau zur typischen sozialistischen Großstadt entwickelt: Einfallslose Neubauten und verrottete Altbausubstanz prägen das Stadtbild.

Auf meine Frage nach Sehenswertem schicken mich die meisten, die ich anspreche, zu den Schlössern Georgium, Luisium und Mosigkau. Nur ein älterer Herr fügt hinzu: „Vergessen Sie unser Bauhaus nicht“, und fährt verbittert fort: „Die Dessauer sind Spießer. Sie ignorieren das Bauhaus.“ Wen wundert das? Ende 1926 wurde es als Kunstschule eröffnet und 1932 geschlossen, eine zu kurze Zeit, um sich etablieren zu können. Die stumme Anwesenheit dieses Meilensteins der modernen Architektur wurde einfach übergangen. Man lebte nach innen und sah lieber auf alte, bewährte, schon durch die Jahrhunderte geadelte Gemäuer, außerdem war das bequem und unverfänglich.

Ich entscheide mich für Mosigkau. Wegweiser gibt es nicht, doch zwei Nachfragen bei Passanten bringen mich auf den richtigen Weg. Nach fünfzehn Minuten parke ich in ländlicher Gegend, links vor mir liegt das Schloß.

Ich betrete den Ehrenhof und genieße den ersten Eindruck, der Ruhe und Ausgewogenheit vermittelt. Die dreiflügelige Anlage, in warmem Ocker getüncht, schafft eine fast gemütliche Atmosphäre. Dem Hauptbau sind rechts und links die beiden Kavaliershäuser zugeordnet, daran schließen sich die Wirtschaftsgebäude an.

Man empfiehlt mir an der Kartenkasse zuerst einen Rundgang durch den Park. Der Weg führt um das Schloß herum. Die Sonne läßt es im Goldton erstrahlen. Die leicht schmuddelige, bröckelige Farbe der schönen tiefreichenden Flügelfenster leuchtet blendend weiß.

Ein breiter Weg bildet die Hauptachse des Südparks. In der warmen Jahreszeit säumen ihn prächtige Kübelpflanzen zur Rechten und zur Linken. Einige davon sind 300 Jahre alt und stammen noch aus dem Besitz der damaligen Schloßherrin Anna Wilhelmine von Anhalt-Dessau. Die im Laufe der Zeit immer kostbarer werdenden Kübelpflanzen überwintern in den Orangerien, die das Ende des Hauptweges flankieren. In den Sommermonaten finden hier Kunstausstellungen statt.

Anna Wilhelmine war eines der zehn Kinder des Fürsten Leopold, der als der „Alte Dessauer“ bekannt wurde, und der Apothekertochter Anna-Luise Föhse, die der Fürst als 22jähriger sicher nicht ganz problemlos geheiratet hatte. Später zahlte er dem deutschen Kaiser 92 000 Taler, und seine Frau wurde zur Reichsfürstin erhoben. Die Bauern hatten nicht viel Freude an ihrem Fürsten, denn es gelang ihm, alleiniger Großgrundbesitzer des Landes Anhalt-Dessau zu werden. Überdies war er reichbesoldeter Zuchtmeister der preußischen Armee. Prinzessin Anna Wilhelmine soll ihrem Vater von Charakter und Intellekt her sehr ähnlich gewesen sein. Vielleicht war sie deshalb sein Lieblingskind. Er ahnte wohl, daß das unschöne Mädchen mit den strengen, klugen Augen nicht heiraten würde und schenkte ihr den Grundbesitz Mosigkau. Sie ließ, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend, den Park im Stil des Rokoko anlegen.