Von Lutz Reidt

Durch die tropischen Regenwälder Asiens schlängelt sich ein kaum übersehbares Gewirr unterschiedlicher Rattanpalmen. Mehr als 600 Arten konnten die Botaniker bislang ausmachen. Die meisten Rattanpflanzen sehen zu Beginn aus wie kurze, buschige Palmen mit vielen Stacheln, erst später wird bei einigen Arten der Sproß zu einem einzelnen Stamm. Andere hingegen bilden dichte Horste, die sich am Wurzelhals verzweigen. Ein Baum in der Nähe dient dann als Kletterhilfe, die Triebe streben nach oben, dem Licht entgegen. Sie winden sich von Baumkrone zu Baumkrone, fallen gegebenenfalls wieder nach unten, um dann dem nächsten Urwaldriesen "aufs Dach" zu steigen.

Ein bis fünf Meter pro Jahr kann zum Beispiel der Saga-Rattan wachsen. Kein Wunder also, daß diese Art mit mehr als 200 Metern die längste Landpflanze der Welt ist – vorläufig noch. Denn die Rattansammler dringen auf ihren Streifzügen bereits in die entlegensten Regionen der Regenwälder vor und schlagen häufig die Triebe, bevor sie überhaupt gefruchtet haben. Deswegen sind nach Schätzungen des amerikanischen Biogeographen Dennis Johnson 100 bis 150 Rattanarten in einigen Regionen vom Aussterben bedroht.

Die guten Preise, die schon die Sammler für ihren Rattan erzielen, forcieren den Raubbau in Indonesien und Malaysia; die Philippinen und Thailand mußten in jüngster Zeit Rohrattan sogar einführen, weil die heimischen Bestände nahezu erschöpft sind.

Mindestens eine Million Menschen leben in Südostasien vom Sammeln, Handeln und Verarbeiten von Rattan. Das Handelsvolumen der Fertigprodukte – so etwa Möbel, Taschen, Körbe oder Schlafmatten – beträgt nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen zweieinhalb und vier Milliarden Mark pro Jahr, wobei der Bedarf an Rohrattan bei weitem nicht gedeckt ist.

Deswegen soll nun der Anbau von Rattan gefördert werden. Die Grundlagen dafür existieren längst: Die Dayak-Stämme im indonesischen Teil der Insel Borneo verweisen auf eine mehr als hundertjährige Tradition im Anbau von Rattan. Die Dayaks wissen, daß die meisten Rattanarten einen feuchten, tiefgründigen Boden benötigen, der in der Nähe von Flüssen fruchtbarer ist als in anderen Bereichen des Regenwalds. Auf solchen Standorten gedeihen die üppigen Rattangärten der Benuaq, eines Stammes der Dayaks im Osten Borneos.

Vielfältig strukturiert, unterscheiden sich diese Gärten deutlich vom Einerlei der Monokulturen und Plantagen, die – gerade in den Tropen – oft genug ein gefundenes Fressen für Schädlinge sind. Die Benuaq haben diese Gärten dem natürlichen Feuchtwald nachgebildet. "Dieses Gewirr von Rattan, gemischt mit Resten der natürlichen Vegetation und einem vielschichtig aufgebauten Bestand von Fruchtbäumen, erscheint dem Außenstehenden als ein natürlicher Dschungel", so schildert es Hans-Joachim Weidelt, Professor für Waldbau in den Tropen an der Universität Göttingen. "In Wahrheit aber handelt es sich um ein mit genauer Kenntnis der Arten und Standortansprüche abgewandeltes Ökosystem, das wie ein Feuchtwald funktioniert und einen intakten Nährstoffkreislauf besitzt."