Straße der Bereifung. Fast jeder Ort hat seine Straße der Befreiung (gemeint ist der 8. Mai 1945), und doch hat es bis zum bitteren Ende der DDR gedauert, daß ich diese Persiflage gehört habe, in Leipzig übrigens. Interessante Dialektik: Befreiung ist abstrakt, aber voll orgeltönender (falscher) Emotion, Bereifung ist konkret, aber doppeldeutig (Rauhreif oder Autoreifen?) und dazu als Sprachkonstruktion (Bereifung für die vier Reifen eines Vehikels – Bestuhlung für die hundert Stühle des Versammlungsraumes der Betriebsparteiorganisation) bonzigkanzleisächsischbürokratisch. Eine gelungene Verdrehung.

Ortsnamen, Denkmäler. Den Namen Karl-Marx-Stadt hat die Bevölkerung lange ertragen, lange auch die Verstümmelungen („Kalle-Malle“), und hat ihn endlich demokratisch abgeworfen. Aber das makabre Denkmal? Ein Kopf mitten auf dem Platz. Wie ein Fußball. Das abgeschlagene Haupt Johannes’ des Täufers. Bronzeüberströmt. Mit dem Ortsnamen, mit Schall und Rauch wollten sie nicht weiter leben, aber die kannibalische Skulptur bleibt vorerst liegen. Merkwürdige Prioritäten.

Zu solchen Obszönitäten neigt die bildhauende Agit-Prop-Gilde. Nicht nur die Ausstellung von Balsamleichen als Gesamtkunstwerk. Auch Thälmann hat in Berlin seinen Kopf, aus dem Stein herausgehauen. Und Lenin ist im Felsen festgewachsen. Die meisten neueren Lenindenkmäler zeigen ihn so oder ähnlich: Mir kommt immer die Erinnerung an den eingeklemmten Zwerg im Märchen, der ächzend um Erlösung fleht.

Der nekrophile Charakter der bildenden Gedächtniskunst legt die Idee nahe, daß bei der Benennung von Straßen religiös-beschwörende Ersatzhandlung im Spiele ist. Grabinschrift. Sie gibt vor, daß der Geehrte unsterblich ist, wenn nur sein Name oft genug wiederholt wird (wozu die Straßenbenennung sehr praktisch zwingt). Eine Gebetsmühle, an der niemand vorbeikommt.

In späthellenischer Zeit, so höre ich, gab es Kaiserbüsten und Reiterstandbilder, auf denen man nach gelungener Palastrevolution nur die Köpfe wechseln mußte. Das konnte beliebig oft geschehen. Wir vollziehen das symbolisch mit der Umbenennung von Straßen.

Walter und Erich haben es nicht zu Straßen und nicht zu Denkmälern gebracht. Sie blickten lediglich leutselig geschönt als kolorierte Photographie aufs Staatsvolk, wenn es zur Behörde kam. Die Abwicklung nach dem Sturz war dann einfach. Es mußten nicht unzählige Stadtpläne, Briefköpfe und Visitenkarten neu gedruckt werden, keine Stempel geschnitten. Nur Bildabnahme.

Bildersturm. Umbenennungen Typ A: Die abgeschaffte Vergangenheit, zum Beispiel die Adolf-Hitler-Straße nach 1945. Typ B: Das goldene Kalb. Stets sind die schönen Namen, auch die originellen gefährdet. Nach Brezhnevs Tod tauften die Russen in „Brezhnev“ um: na, welche Stadt schon, natürlich die mit dem entzückenden Namen „Baumstamm-Schiffchen am Ufer“ (Na’berezhnye Tchelny’). Das konnte gerade noch zurechtgerückt werden.