Von Viola Roggenkamp

Weich schwingend hügelt sich die Landschaft gegen den klaren Himmel. Die nackten Äcker der Westerwälder Hochebene sind überzuckert von morgendlichem Rauhreif. Scharf fährt der Wind über die Kuppen. Kaum ein Baum, der ihn aufhalten könnte. "Bei uns brauchen die Erdbeeren zwei Jahre, bis sie reif sind", spottet der Lokalredakteur aus Hachenburg. "Hier ist es immer sehr windig gewesen, und die Ernten sind kaputtgegangen. Das hat die Leut’ fleißig gemacht und sparsam werden lassen", sagt Bürgermeister Hendrik Hering. Noch vor zwei-, dreihundert Jahren ließen hier die Grafen von Sayn-Wittgenstein und Sayn-Hachenburg die Steuern eintreiben. Heute residiert im Schloß der reichste Graf, den Hachenburg je hatte, die Deutsche Bundesbank. Am Ortseingang liegen neben geparkten Bussen ("Kaffeefahrt ins Rothenburg des Westerwaldes") lange, abgeschälte Baumstämme. Die Reste deutscher Waldeinsamkeit.

Bonn im Nordwesten ist nicht weit und Frankfurt im Südosten auch nicht. Aber Hachenburg, das mittelalterliche Städtchen, blitzblank restauriert, sauber gefegt und unter Denkmalschutz, mit der alles überragenden Hachenburg, gut sortierten Geschäften, gediegenen Familienhäusern für 5000 Hachenburger samt Vorgärten mit schmiedeeiserner Umzäunung, gemütlichen Kneipen, zwei Kinos und einem nagelneuen Gedenkstein für "die Juden von Hachenburg, einst Mitbürger", aufgestellt 1989 neben dem kleinen, spätmittelalterlichen Rathaus, dieses nette Hachenburg, in dem alles unter Dach und Fach an seinem Platz ist, scheint nicht von dieser Welt. Oder doch?

In der Kneipe am Bahnhof fliegt die Tür auf. Drei drahtige Gestalten stehen im Eingang. Bomberjacken, schwarze Jeans, Stahlkappenstiefel, kahlgeschorene Köpfe. Einer hat mit ausgestreckter Hand den Arm hochgerissen und ruft: "Heil Hitler!" Da springt ein Gast auf, stürzt auf den jungen Mann zu und schlägt dem rechts und links ins Gesicht: "Säuische Rotzbuben. Jetzt reicht’s aber!" Vom Tresen kommt ein zweiter Gast dazu. Den Schaum vom Germania Pilsener noch auf der Oberlippe, reißt der Mund und Augen auf: "Also Horst! Dat is ja anunfürsisch a nit Sinn der Sach. Dat is doch all nit rüschtisch. Isch mein, im Momend is där Worm drin, ährlisch!" Unterdessen haben die drei Skins für diesmal erschrocken ihrer Hachenburger Stammkneipe den Rücken gekehrt.

Die Ohrfeigen – ein Beispiel von Zivilcourage? Oder eher Ausdruck von schlechtem Gewissen? Wenige Tage zuvor war mitten in Hachenburg auf offener Straße ein junger Türke von einem jungen Deutschen erstochen worden. Fünf andere Deutsche sahen bei der Tat zu oder beteiligten sich daran. Daß sich dort, vor dem Haus der kurdischen Familie, etwas zusammenbraute, hatte kaum ein Hachenburger übersehen können. Nach der Tat, die zwischen 19 und 20 Uhr geschah, konnte die Hachenburger Polizei den mutmaßlichen Täter sofort verhaften sowie ihn und seine Freunde ins Verhör nehmen. Man habe diese Skins schon lange beobachtet, hieß es zufrieden. Zu lange?

"Wir sind entsetzt über das schreckliche Verbrechen an Nihat Yusuföglu. Aus Anlaß des Schweigemarsches lassen wir unsere Laden-Geschäfte am langen Samstag, 5. Januar, bis 12 Uhr geschlossen. Autohaus Degen, Goldschmiede Börner, Drogerie Dasbach, Modehaus Linde, Schuhhaus Hardeck, Schuhhaus Zitzer, Geschenkestube in der Schwanenpassage, Zuckmeyer Wohnkultur." Eine von zwei Traueranzeigen in der Westerwälder Zeitung. Die andere von der Kontaktgruppe für ausländische Flüchtlinge des Caritasverbandes: "Wir sind tief erschüttert, daß Ausländerfeindlichkeit bis zum Tode führen mußte."

In der Heimat- und Bürgerzeitung der Verbandsgemeinde Hachenburg annoncierten Stadt- und Verbandsgemeinde-Bürgermeister: "Wir trauern um Nihat Yusuföglu – ein siebzehnjähriger Kurde –, der mit seinen Eltern und Geschwistern vor drei Jahren in Deutschland Asyl vor politischer Verfolgung gesucht hatte, wurde in der vorletzten Woche vermutlich nur wegen seiner vermeintlichen türkischen Staatsangehörigkeit von jugendlichen Deutschen auf brutale Weise umgebracht. Mit Abscheu und Entsetzen haben die Bürgerinnen und Bürger von dieser Schandtat Kenntnis genommen und trauern mit der betroffenen Familie." – Entsetzt. Erschüttert. Mit Abscheu zur Kenntnis genommen.