Von Volker Ullrich

Dieses Buch birgt brisantes Material. Es enthüllt, was jahrzehntelang vertuscht und verschwiegen worden ist: daß die Kolonialmacht Spanien (unterstützt von Frankreich) gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Rifkabylen in Spanisch-Marokko in den zwanziger Jahren systematisch Giftgas, und zwar erstmals vom Flugzeug aus, einsetzte. Entscheidende Dienste bei diesem Völkerverbrechen leisteten deutsche Lieferanten und Instrukteure, die den Spaniern – mit Billigung und aktiver Unterstützung der Reichswehrführung (und damit der Reichsregierung) – unter anderem bei der Errichtung der ersten Giftgasfabrik auf afrikanischem Boden und der Entwicklung der Gasbombe behilflich waren.

Daß Rudibert Kunz und Rolf-Dieter Müller – Fernsehredakteur der eine, Historiker beim Freiburger Militärgeschichtlichen Forschungsamt der andere – die schreckliche Wahrheit jetzt, nach über sechzig Jahren, ans Licht haben bringen können, verdanken sie einem doppelten Glücksfall: Einer der Hauptbeteiligten, der Hamburger Chemiefabrikant und Berater der Reichswehr in Sachen Giftgas, Dr. Hugo Stoltzenberg, hat penibel Tagebuch geführt über seine dunklen Geschäfte. Und – dies ist ganz ungewöhnlich und muß anerkannt werden – der Sohn besaß die Souveränität, der Forschung die Notizbücher und Akten seines Vaters zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit den Archivalien des Auswärtigen Amtes in Bonn, des Bundesarchivs in Koblenz und des Militärarchivs in Freiburg bieten sie ein solides Quellenfundament. Die spanischen Behörden verweigerten indes die Einsicht in ihre Archive, wohl wissend, was sie zu verbergen haben.

Die Autoren zitieren, was Stoltzenberg am 20. Dezember 1923 über ein geheimes Treffen in der spanischen Botschaft in Berlin (anwesend war neben dem spanischen Militärattache Porras der Chef des Truppenamts der Reichswehr, Generalmajor Otto Hasse) notierte: "Colonel P. (wünscht) alle möglichen Mengen Gelb... Ich sage zu und schlage Malaga vor als Bestimmungsort. Kosten pro Tonne 25 000." "Gelb" – das war die Kurzformel für "Gelbkreuz". Sie diente schon im Ersten Weltkrieg als Bezeichnung für das heimtückischste aller Giftgase, das Hautgift Lost – ein Kampfstoff, der besonders geeignet ist zum Verseuchen großer Gebiete.

Mit dem Einsatz der damals schärfsten chemischen Waffe hoffte Madrid, endlich die Rebellion der Kabylen in ihrem Protektorat niederschlagen zu können. Unter Führung von Abd el Krim, der als "Löwe des Atlas" in die Geschichtsbücher eingegangen ist, hatten die Aufständischen den spanischen Streitkräften seit 1921 eine Reihe schwerer Niederlagen beigebracht. Als sie Anfang 1923 eine islamische Rif-Republik ausriefen, bedeutete dies eine Herausforderung für die gesamte europäische Kolonialpolitik. Die Angst davor, daß der Funke des islamischen Nationalismus von Marokko auf Ägypten überspringen und danach die gesamte arabische Halbinsel erfassen könnte, war groß. Als besondere Unverschämtheit empfand man es in Spanien und Frankreich, der zweiten Protektoratsmacht in Marokko, daß es die Rebellen wagten, sich auf das Völkerrecht nach Freiheit und Selbstbestimmung zu berufen. Die Freiheitsbewegung im Rif, so ließ sich etwa Frankreichs Statthalter in Marokko, Marschall Hubert Lyautey, verlauten, sei "die größte Bedrohung für die Zivilisation und den Frieden des Westens". Um diese "Bedrohung" abzuwehren, war den interessierten Kolonialmächten jedes Mittel recht. "Ein Sieg mußte her, koste es, was es wolle an Geld, Recht oder Humanität" – kommentieren die Autoren.

Um die Weltöffentlichkeit über das wahre Kriegsziel zu täuschen, wurde Abd el Krim als blutrünstiger Kriegstreiber verteufelt, der jedem Kompromiß unzugänglich sei. Mehr noch: In den westlichen Hauptstädten, London eingeschlossen, nahm man billigend in Kauf, daß die Deutschen mit ihrem spanischen Giftgas-Deal gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages verstießen.

Zur gleichen Zeit, als Spanien und Frankreich ihre Unterschrift unter das "Genfer Protokoll" von 1925 setzten, das den Ersteinsatz chemischer Waffen untersagte, waren spanische Piloten schon vollauf damit beschäftigt, durch den Abwurf von Lostbomben das Gebiet der Rifrebellen großflächig zu verseuchen.