Gegen die konventionellen Kampfmittel, auch gegen Panzer und Flugzeuge, hatten sich die Berberkrieger zu behaupten gelernt – gegen das Giftgas waren sie wehrlos. Sie besaßen keine Gasmasken, um Augen und Atmungsorgane gegen die Lostdämpfe zu schützen, keine Medikamente, um die furchtbaren Hautverletzungen zu behandeln, keine Vorrichtungen, um Felder vor Verseuchung zu bewahren. Und selbst die entlegensten Gebirgshöhlen boten keine Sicherheit vor den tödlichen Kampfstoffschwaden.

Trotz strikter Geheimhaltung sickerte doch manches durch über den Völkermord. So hörte der deutsche Konsul in Tetuan bereits im Dezember 1924, daß "die Rebellenorte so lange mit Gasbomben belegt würden, bis die Araber klein beigäben". Und er fügte seinem Bericht hinzu, daß diese Strategie "sicher Erfolg haben" dürfte, "wenn die öffentliche Weltmeinung sich gegen das furchtbare Vernichtungswerk nicht auflehnen wird". Doch nichts geschah; die Hilferufe der Rifregierung ans Rote Kreuz verhallten ungehört. Die Berichterstattung der Journalisten aus Marokko unterlag strenger Zensur; sie erfuhren so gut wie nichts über die Vorgänge im Kriegsgebiet; viele ließen sich bereitwillig dazu mißbrauchen, die Verlautbarungen des spanischen Oberkommandos weiterzuleiten.

So gibt es keine authentischen Berichte über die verheerenden Auswirkungen der Bombeneinsätze. Die Autoren haben sich dadurch beholfen, daß sie dem Leser anhand eines Szenarios verdeutlichen, was eine einzige Lostbombe bewirken konnte – und die Spanier warfen insgesamt 10 000 über den Rif ab. Über das Ergebnis äußerte sich Stoltzenberg noch 1938 mit großer Zufriedenheit: "Im Marokkokriege Spaniens gegen die Rifkabylen brachte die Lostbombe vom Flugzeuge ein schnelles Kriegsende durch Verseuchung der Dörfer, die oasenartig im ariden Fels- und Berggelände versprengt liegen." Im Mai 1926 ergaben sich die letzten kabylischen Freiheitskämpfer; Abd el Krim wurde von einem französischen Kriegsschiff auf die Insel Réunion im Indischen Ozean deportiert.

Rudibert Kunz’ und Rolf-Dieter Müllers historische Reportage ist nicht nur ein Lehrstück über die doppelte politische Moral des Westens; sie macht zugleich eine unheilvolle Tradition deutscher C-Waffen-Exporte sichtbar, die in der Belieferung des irakischen Diktators Saddam Hussein ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.

  • Rudibert Kunz/Rolf-Dieter Müller:

Giftgas gegen Abd el Krim

Deutschland, Spanien und der Gaskrieg in Marokko 1922 – 1927; (Einzelschriften zur Militärgeschichte, Bd. 34); Verlag Rombach, Freiburg 1990; 240 S., 32,– DM