Das eigene Heim ist das Allerheiligste. Das, wofür man sein Leben lang gearbeitet hat. Wer hier einbricht und die Privatsphäre verletzt, sich am Eigentum oder der Familie vergreift, der wird zerstückelt oder erschossen oder aus dem Haus geworfen. Hart, aber gerecht. So einfach ist das. In Amerika. Im Film.

Michael Bosworth (Mickey Rourke) ist ein Tier; ein gefährliches, faszinierendes, gewissenloses Tier. Seine Verteidigerin Nancy hilft ihm, aus dem Gefängnis zu entkommen. Mit seinem Bruder Wally und dessen Kumpel Albert nimmt er in einem Vorort die Familie Cornell als Geiseln. Rourke spielt den Psychopathen im Armani-Anzug mit sparsamen Bewegungen, das Gesicht meist im Schatten, als leicht abwesenden Regisseur des Schicksals. Er wartet hier auf Nancy – den einzigen Menschen, den er liebt. Während coole Technokraten, Schachspieler und gesichtslose Scharfschützen in Uniform ihre Kreise enger ziehen, spitzt sich im Haus die Situation zu: ein Machtkampf zwischen Bosworth und dem Hausherrn (Anthony Hopkins), einem mittlerweile etablierten Vietnam-Veteranen. Es geht um das Vertrauen von Cornells Frau Nora. Beide sagen: Glaube mir. Gewonnen hat am Ende keiner.

Es mag sein, daß Michael Cimino, 47, ein unglücklicher Mensch ist: ein begnadeter Regisseur mit einem Gefühl für Bilder, Menschen und Geschichten, der der Welt etwas mitteilen möchte – nur leider bleibt seine Botschaft bei aller formalen Brillanz diffus. Seine Filme handeln vom amerikanischen Traum, von dessen Pervertierung durch die Gesellschaft, von der Gewalt als einziger, aber falscher Möglichkeit zur Durchsetzung des Traumes von Freiheit und Individualität: von allem ein wenig und von nichts richtig – als müsse Cimino in seinem Inneren noch aufräumen. Seine Filme helfen ihm dabei. Doch sie werden um so schlechter, je klarer seine Aussagen werden.

Dino De Laurentiis hat "24 Stunden" produziert, die Neuauflage eines Bogart-Klassikers. Ein Geiseldrama; eine Familienstory; ein Thriller, der auf die Angst vor Überfremdung spekuliert. Cimino erfindet einen Vorspann und zwei Nebenhandlungen, um die grandiose Landschaft West-Colorados zeigen zu können, macht aus Rourke einen Cimino-Helden (einen, der in seiner Selbstüberschätzung zu weit gegangen ist, um noch einmal umkehren zu können), inszeniert mit kalter Weitwinkel-Ästhetik auf Effekte und versucht halbherzig, die Genre-Muster zu ironisieren.

Der Anfang ist großes Kino – so, wie Hitchcock vielleicht heute drehen würde: eine frühmorgendliche Autofahrt durch die Berge, Panoramaschwenks über die Natur, peitschende Musik; ein virtuos inszeniertes Spiel mit den Erwartungen. Doch der Film zerfasert: ein liebloser Schnitt mit logischen Fehlern, Figuren, die zu Klischees verkommen, schicksalsschwangere Sprüche. Und, am schlimmsten für einen Thriller: Er langweilt.

Einmal nur erfaßt Cimino das Alptraumhafte der Geiselnahme: als Bosworth wie nebenbei und sehr überraschend einen alten Mann erschießt, der das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Aber viel zu schnell geht die Geschichte über zum Konventionellen: das Haus, die Ermittlungen, der Ring, der sich enger zieht. Albert stirbt, Wally stirbt, Bosworth stirbt, und die Familie ist wieder vereint, geschunden, aber reifer. Cimino, der immer nach der amerikanischen Identität gesucht hat, heißt diesen Alptraum von Amerika gut. "24 Stunden" ist ein reaktionärer Film.

Rüdiger Schmitz-Normann