Um zwei Frauen gab es in der vergangenen Woche einen bundesweiten Skandal, den es vielleicht nicht gegeben hätte, wäre eine von beiden am Abend des Bonner Presseballs mit einem Schnupfen ins Bett gesunken. Das Schicksal wollte es anders, und so erschienen Cornelia Scheel und Hella von Sinnen putzmunter und Arm in Arm vor 4000 Prominenten und Gott und der Welt als das lesbische Liebespaar dieser Ballsaison. Das hatte es noch nie gegeben.

Die eine, Hella von Sinnen, ist eine Frau, die aus der Rolle fällt. Lesbisch und redet ständig darüber. Dick und stört sich überhaupt nicht daran. Frech und dreist und schlagfertig und respektlos und obendrein heißgeliebt von einem Millionenpublikum beim RTL-Quiz "Alles Nichts Oder". Die andere heißt Cornelia Scheel. Ihre Mutter Mildred Scheel gründete 1974 die Krebshilfe. Als die Tochter nach dem Tod der Mutter von der Deutschen Krebshilfe engagiert wurde, war sie noch genau das, was der Geschäftsführung vorschwebte. Die brave Tochter von Mildred und Altbundespräsident Walter Scheel. Still, angepaßt, gefügig. Ein Name auf zwei Beinen. Scheel. Mehr nicht. Nun ist sie wer. Statt einer braven Altbundespräsidenten-Tochter eine lebenslustige junge Frau: Cornelia Scheel, die keinen Hehl daraus macht, lesbisch und glücklich zu sein.

Seitdem aber Hella von Sinnen auf dem Bonner Presseball erschien, frech in das Heiligtum der deutschen Wiedervereinigung – das Brandenburger Tor – gewandet, hinter sich eine in sie verliebte Tochter aus angesehenem Hause – seitdem läuft das Faß über.

Zwar hatten die folgenden Presseberichte über das aufsehenerregende Paar Erleichterung bei zahlreichen deutschen Eltern ausgelöst: "Na also! Deren Tochter auch." Zwar hatte Altbundespräsident Walter Scheel gegenüber Bunte erklärt: "Warum sollte es mich stören, daß Cornelia mit einer Frau zusammenlebt. Ich lebe doch auch mit einer Frau." Anders jedoch reagierte man bei der Deutschen Krebshilfe. Dort liefen die Telephone heiß. Wohlhabende Spender drohten, ihr Testament zu ändern, die Überweisungsaufträge zu stoppen. So kam es, daß Geschäftsführer Achim Ebert "sich gedrängt sah", Cornelia Scheel von der Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Krebshilfe zu entbinden. "In gegenseitigem Einvernehmen", das sagt man ja wohl in solchen Fällen, fühlte sie sich gezwungen zu gehen. "Es geht um das Lebenswerk meiner Mutter, das ich nicht mehr öffentlich repräsentieren sollte. Das hat mich traurig gemacht. Zudem finde ich es diskriminierend."

Wäre es der Deutschen Krebshilfe nicht auch möglich gewesen, sich öffentlich an die Seite von Cornelia Scheel zu stellen? Geschäftsführer Achim Ebert verschlug es die Sprache: "Das ist eine schwierige Frage. Die hat mir noch keiner gestellt." Er sich selbst eben auch nicht.

Viola Roggenkamp