In der ehemaligen DDR bleiben die Raucher bisher ihren alten Marken treu

Von Judith Reicherzer

Marlboro Country ist weit, im wilden Westen, wo Cowboys ihre Herden durch die Prärie treiben und abends am Lagerfeuer Kaffee kochen. Karo Country aber liegt ganz nah. Dort stehen die Rinder in Mastfabriken, und die Viehzüchter kommen mit dem Trabi zur Schicht. Karo Country reicht von Rostock bis Dresden und hieß früher DDR.

Im ehemaligen SED-Staat wirbt jetzt Philip Morris mit dem abgewandelten Marlboro-Spruch für die Zigarettenmarke Karo. Im vergangenen Sommer hatte sie der Konzern neben den Marken F 6 und Juwel mit dem Kauf der Vereinigten Zigarettenfabriken Dresden übernommen. Die Manager aus München merkten inzwischen: Nicht nur die Amerikaner, auch die Leute im Land der Karo sind stolz auf ihre Heimat, zumindest auf ihre Heimatzigaretten. Die waren schließlich vor dem Fall der Mauer das Feinste, was es im Ostblock zu rauchen gab. Importe aus Bulgarien und Albanien konnten qualitativ bei weitem nicht mithalten, da waren sich die DDR-Raucher einig.

Die Westfirmen, die die traditionsreichen Zigarettenmarken der VEBs inzwischen in ihrem Namen produzieren, betonen in der Werbung denn auch die Identität der Ostzigaretten. Philip Morris versucht es mit Karo Country und wirbt für F 6 mit dem stolzen Slogan "Der Geschmack bleibt". Auch R. J. Reynolds wird voraussichtlich im Frühjahr eine ähnlich traditionsbewußte Kampagne für die Marke Club starten, die die Kölner im Herbst 1990 der Berliner Cigarettenfabrik abgekauft haben.

Noch vor einem Jahr allerdings waren Ostkonzepte für Westler unvorstellbar. Damals starteten die fünf großen bundesdeutschen Zigarettenhersteller – wie so viele andere Branchen auch – in der DDR aufwendige Kampagnen, um ihre eigenen Produkte bekannt zu machen. Es schien nur eine Frage der Zeit, die Ostmarken aus den Regalen zu drängen.

Doch die Branchenpropheten waren zu vorschnell. Während die Konsumenten im Osten bei Bohnenkaffee, Autos oder Waschpulver rasch auf Westmarken umstiegen, blieben die meisten "ihrer alten" Zigarette nicht nur treu, sie waren den neuen gegenüber sogar äußerst skeptisch. Eine Untersuchung der GfK Marktforschung im Juni 1990 zeigte, daß zwar 73 Prozent der DDR-Haushalte zu westdeutscher Schokolade Vertrauen hatten, westdeutsche Zigaretten jedoch kamen nur bei 25 Prozent der Befragten an.