Von Benjamin Henrichs

Geschichte ist ein Theater. Mal eine blutige Farce, mal eine blöde Tragödie. Manchmal kommt die Geschichte nackt daher – dann ist sie bloß ein mickriger Einakter. Manchmal trägt sie den berühmten wehenden "Mantel" – dann gleicht sie dem Großen Historischen Ritterdrama. Doch wenn die Geschichte am größten ist, braucht das Schauspiel Musik. Dann wird die Geschichte zur Oper. Dann braucht sie den Chor.

In der Oper (wie in der Geschichte) regieren die Solisten. Die Heldentenöre und die Kastraten. Die Kellerbässe und die Koloratursoprane. Und über allen Mächtigen wohnt ein einsamer Despot, der Herr aller Sterne: der Dirigent.

Und der Chor? Marschiert stramm auf, steht brav herum, geht folgsam wieder ab. Füllt manchmal die Pause zwischen zwei Herrscherarien mit dröhnendem Gesang. Der Chor ist die Versammlung der Opern-Untertanen. Wir sind der Chor. "Wir sind der Chor", sagt im Chor der Chor in einem neuen Stück von Botho Strauß, uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen, inszeniert von Dieter Dorn. Titel: "Schlußchor".

Manchmal allerdings stößt die Geschichte alle Spielpläne und Theatergesetze einfach um. Dann regieren (vielleicht nur für einen Tag) nicht mehr Kanzler und Dirigent, Minister und Tenor, Leitartikler und Mezzosopran. Dann regiert das Volk selber und ruft: "Wir sind das Volk!" Die Revolution ist der historische Augenblick des Chores.

Der 9. November 1989, der Tag, an dem die Mauer fiel, ist der Festtag aller gesamtdeutschen Chöre gewesen. Am 9. November 1989 (wenn wir uns nicht täuschen) spielt der Schlußakt des Schauspiels "Schlußchor". Von draußen hört man immer wieder die Fetzen eines machtvollen deutschen Jubelgesanges: den Schlußchor, die Ode an die Freude, aus Beethovens neunter, letzter Symphonie.

Bei Beethoven ist die Stunde des Chors die Stunde des Glücks. Sollte Botho Strauß also wider alles Erwarten das Festspiel zur deutschen Vereinigung verfaßt haben? Oder doch die tödliche Satire? Im Foyer der Münchner Kammerspiele, auf einem großen Transparent, steht ein sehr langer Satz, den Botho Strauß schon 1977 geschrieben hat, in seiner Erzählung "Die Widmung": "Nun beginnt wieder, am frühen Morgen, um ihn herum das allgemeine Sprechen, das in Wahrheit ein vielfaches Durcheinandersprechen ist, worin sich das meiste wechselseitig bedeutungslos macht, worin fast alles nur halb so schlimm ist, denn es wird ohne Einhalt weitergesprochen, und der Chor eines nicht abreißenden Geredes steigt über den Köpfen auf und es hallt, wie in einer mächtigen Kuppel, auf deutsch über Deutschland."